Vers Mittelhochdeutsch Neuhochdeutsch
1 Des muot sô wirdeklîche stât Wessen Gesinnung eine so ehrenvolle ist,
2 daz er unfuoge niht enlât dass er keine Unanständigkeiten
3 gesigen in sîns herzen grunt, Eingang in sein Herz finden lässt,
4 daz mac niht sîn, im werde kunt Bei dem kann nicht ausbleiben, dass ihm schließlich
5 ze jungest hôher sælden teil. hohe Glückseligkeit zuteil werde
6 gotes lôn, der welte heil Gottes Lohn, das Heil der Welt
7 muoz man vil tiur erringen. muss man sich sehr hart erarbeiten.
8 ûz dornen rûch entspringen Aus wilden Dornen sieht man selten
9 siht man selten guote fruht. gute Frucht hervorgehen.
10 sô wirt ouch grôziu ungenuht So wird auch kein böses Unkraut
11 an süezem stammen niht gesehen. an süßem Stamm gesehen.
12 bî guotem guot, sô hoer ich jehen, Von Gutem gut, höre ich sagen,
13 bî süezem süez, bî argem arc, von Süßem süß, von Schlechtem schlecht,
14 bî miltem milt, bî kargem karc, von Freigebigem freigebig, von Hinterlistigem hinterlistig,
15 bî frechem frech, bî zagen zagen von Kühnem kühn, von Zaghaftem zaghaft
16 wirt man, hoer ich die wîsen sagen. wird man, höre ich die Weisen sagen.
17 des sönt die jungen nemen war. Davon sollen die Jungen hören.
18 herz unde sinne sönt ie dar Herz und Sinne sollen zu aller Zeit
19 mit den gedenken vehten, mit den Gedanken dorthin streben,
20 swâ man ze êren flehten wo immer man sich durch
21 sich siht mit wirdeclîcher tât. ehrenvolle Tat Ehre erwirbt.
22 ein reine leben selten hât Ein reines Leben hat noch selten
23 genomen ein swachez ende. ein schlechtes Ende genommen.
24 in dirre welt ellende Auf dieser vergänglichen Welt
25 wart nie sô reines noch sô guot entstand nie etwas so Reines oder Gutes
26 als êre, der ir rehte tuot. wie die Ehre, wenn einer ihr gemäß handelt.
27 sî bringet gotes hulde. Sie bringt Gottes Wohlwollen.
28 êr ist ein übergulde, Ehre ist der größte Schatz,
29 für allez lop gewæhet, vor allem Lob verherrlicht,
30 sît sî sich gote næhet, weil sie Gott nahe ist,
31 und bringet ouch der welte gruoz, und sie findet auch in der Welt Anerkennung.
32 diu man beide haben muoz, Wer in der Welt herumkommt,
33 swer mit der welte umbe gât. muss beides haben.
34 dâ von mîn tumbez herze hât Deswegen hat sich mein einfältiges Herz
35 sich an ein mær verphlihtet. in den Dienst einer Geschichte gestellt.
36 wirt daz mit rede voldihtet, Wird diese auserzählt,
37 ir hoerent wunderlîchiu dinc. hört ihr wunderbare Dinge.
38 der welt ende und ir ursprinc Das Ende der Welt und ihr Ursprung
39 ist liep und leit, naht unde tac. sind Freude und Leid, Nacht und Tag.
40 des ein vil hôher fürste phlac, Das beherzigte ein hochwohlgeborener Fürst,
41 der ie nâ prîs der welte vaht, der stets nach dem Ruhm der Welt strebte
42 und hât dâ bî tac unde naht und dabei Tag und Nacht
43 in herzen gotes vorhte. im Herzen gottesfürchtig war.
44 swaz werk er ie geworhte, Was er auch immer tat,
45 diu wâren an untæte laz, das war an Unrecht arm,
46 wan er der êren nie vergaz: weil er nie die Ehre vergaß:
47 der kunde er wol geschônen. Darauf wusste er Rücksicht zu nehmen.
48 des wolt ouch got im lônen Das wollte auch Gott ihm dort im Himmel
49 in himel dort, ûf erden hie, und hier auf der Erde vergelten,
50 wan got den sînen nie verlie denn Gott lässt den Seinen
51 in keiner nôt gestecken. in einer Notlage niemals im Stich.
52 der âne zwîvels flecken Wer jemals ohne den Makel des Zweifels
53 ie sîner helfe ruohte seine Hilfe begehrte
54 und gnâde an in suohte, und ihn um Gnade ersuchte,
55 dem was sîn trôst und helf bereit. dem wurden sein Trost und seine Hilfe zuteil.
56 ich sag iuch als mir wart geseit Ich erzähle euch, wie mir erzählt wurde,
57 sunder lougen âne trüge. ohne Lug und Trug.
58 daz ich mit worten umbe flüge, Um mit Worten zu jonglieren,
59 dâ zuo sô ist mîn sin ze kranc, ist mein Verstand zu schwach;
60 und würd diu rede ouch lîht ze lanc. auch würde die Rede leicht zu lang.
61 des lâz ich ir vil under wegen Deshalb lasse ich unterwegs viele von ihnen [scil. den Worten] weg
62 und wil einvalteclîchen stegen und will in einfacher Weise
63 ûf der âventiure wân dem Pfad der Aventiure folgen,
64 der ich mich underwunden hân. derer ich mich angenommen habe.
65 Hie vor ein werder fürste was Es war einmal ein edler Fürst,
66 der zuht und êr ie an sich las der aufgrund freigebiger und ritterlicher Handlungsweise
67 mit milt und ritterlîcher tât, Anstand und Ehre zu seinen Tugenden zählte,
68 dâ von sîn lop geblüemet stât weshalb sein Ruhm immer mit
69 früht iemer unverdorben. frischen Früchten in Blüte stand.
70 ist im der lîp erstorben, Ist er gestorben –
71 wel nôt? Sîn lop doch hôhe swept. welche Not? Sein Ruhm wird dennoch hochgehalten.
72 wê dem verzagten der sô lept Weh dem Verzagten, der so lebt,
73 swenn im der lîp alhie verstirbt, dass sein Ruhm mit dem Körper vergeht,
74 daz sîn lop mit dem lîb verdirbt. wenn der Körper auf Erden stirbt.
75 des tet er niht, sîn leben was Das tat er [scil. der Fürst] nicht. Sein Leben war
76 gehertet sam ein adamas wie ein Diamant gehärtet
77 an starker ritterlîcher tât. durch kraftvolles ritterliches Handeln.
78 unfuoge im nie bekrenket hât Unpassendes Verhalten hat ihm nie
79 sînes vesten herzen brust, die Brust seines tapferen Herzens geschwächt.
80 ein helt an ritterlîcher just, Ein Held in ritterlicher Tjost,
81 ein schûr bî vîentlîcher tât, ein Schutz bei feindlichem Angriff,
82 ein vester friunt bî friundes rât. ein beständiger Freund beim Rat der Freunde.
83 daz liez er dicke werden schîn. Das ließ er oftmals erkennen.
84 bî guotem guot, sô kund er sîn, Gegenüber Gutem gut, so wusste er zu sein,
85 bî sûrem sûr, bî starkem starc. gegenüber Hartem hart, gegenüber Starkem stark.
86 sîn stæte triwe sich nie verbarc, Seine beständige Treue versteckte sich nie,
87 wan er ir vesteclîchen wielt. weil er sie unaufhörlich pflegte.
88 der helt sô ritterlich sich hielt Der Held verhielt sich so ritterlich,
89 daz man noch iemer von im seit. dass man noch immer von ihm erzählt.
90 sîn wirde billich sol gespreit Seine Würde soll zu Recht
91 für alle herren werden, vor allen Herren verbreitet werden,
92 daz sî bî sîn geberden damit sie aus seinem Handeln
93 nemen bezzerunge war. Besserung ziehen.
94 den guoten kunde er halten gar Den Guten wusste er ehrenvoll
95 nâch êren, als diu mâze hiez. zu behandeln, wie das rechte Maß es erforderte.
96 den knehten knehtes reht er liez Auch den Knechten ließ er nach Maß ihr Recht
97 ouch in der mâze als ez gezam. zuteil werden, wie es sich gehörte.
98 kein schalc ze sînem râte kam Kein niedriger Mensch nahm an seiner Ratsversammlung teil,
99 der riete wider êren phliht, der gegen die Erfordernisse der Ehre geraten hätte,
100 als man nû herren râten siht. wie man heutzutage Herren raten sieht.
101 Des muose im êre wahsen. Daraus möge ihm Ehre erwachsen.
102 Westevâl und Sahsen Westfalen und Sachsen waren
103 dienden beidiu sîner hant. beide unter seiner Herrschaft.
104 sîn nam sô wîte was erkant Sein Name war so weit bekannt,
105 daz man im hôher êren jach. dass man ihm hohe Ehren zuerkannte.
106 des ouge in doch nie an gesach, Selbst den, dessen Auge ihn nie gesehen hatte,
107 den hôrte man in prîsen. hörte man ihn loben.
108 des zühterîchen wîsen Des hochanständigen Weisen
109 lop hât alliu lant durchflogen. Ruhm hat alle Länder durchflogen.
110 man nant den selben herzogen Man nannte diesen Herzog
111 Reinfrit von Brûneswîc. Reinfried von Braunschweig.
112 sîn fuoz ab rehter êren stîc Sein Fuß wich niemals um ein Haar
113 nie verruhte umb ein hâr. vom Weg der rechten Ehre ab.
114 sîn lîp ûf vier und zwênzic jâr Er war
115 an alter hât die zît vertriben. vierundzwanzig Jahre alt.
116 dur muotgelust was er beliben Freiwillig war er
117 wirdeclîch sunder êwîp. ehrbar ohne Ehefrau geblieben.
118 er pînte leben unde lîp Um der Ehre willen strapazierte er Leben und Leib
119 dur êre in werder ritterschaft. in edlem ritterlichen Kampf.
120 sin lîp der hât wol ritters kraft, Sein Körper hatte sehr wohl die Stärke eines Ritters,
121 mit der sîn herze spilte. mit der sein Herz kokettierte.
122 ze swerte sper und schilte Sein Verstand und sein Denken richteten sich
123 stuont sîn sin und der gedanc; auf Schwert, Lanze und Schild;
124 wan er nâ ritterschaft ie ranc denn er strebte immerfort nach Ritterschaft
125 und hât doch sunder lougen und hatte dabei doch
126 dâ mite got vor ougen, fürwahr Gott im Blick,
127 den er ûz herzen nie verlie. den er niemals aus dem Herzen verlor.
128 ein man der mac dort unde hie Ein Mann kann da und dort
129 erwerben ritterlîchen solt. ritterlichen Lohn erwerben.
130 ritters orden dem ist holt Gott ist dem Ritterstand wohl gesonnen,
131 got, ob er ritterlîchen stât wenn er so ritterlich ist,
132 als in got selbe gordent hât. wie Gott selbst ihn eingerichtet hat.
133 Des ist iez aber leider niht, Heutzutage ist das aber leider nicht der Fall,
134 sît daz man witwen weisen siht denn man sieht in allen Ländern,
135 in allen landen machen die Taten von Rittern
136 von ritterschefte sachen. Witwen und Waisen hervorbringen.
137 des tet er niht, sîn ritterschaft Er tat das nicht; sein Rittertum
138 was schirm und schilt mit ganzer kraft war mit ganzer Kraft Schutz und Schild
139 vor aller slahte freisen. vor jeglicher Bedrohung.
140 gên witwen unde weisen Gegenüber Witwen und Waisen
141 hielt er sunder twâle hielt er sich ohne zu zögern
142 den orden von dem grâle, an die Regel des Grals,
143 der Titurel und Anfortas die Titurel und Anfortas
144 ze Munsalvalde geben was, in Munsalvalde gegeben worden war.
145 hielt er mit kiuscher stætekeit, Er hielt sie mit keuscher Beständigkeit,
146 als uns für wâr diz mære seit. wie uns diese Geschichte fürwahr berichtet.
147 Sus fuor sîn prîs dur alliu lant. So verbreitete sich sein Ruhm in allen Ländern.
148 er wart sô wîtenen erkant Er wurde so weitum bekannt,
149 daz man im hôher wirde jach, dass man ihm hohe Würde zusprach,
150 wan er für sîn genôze brach weil er seinesgleichen
151 an êre und an werden siten. an Ehre und edlen Gepflogenheiten übertraf.
152 nu kunt eins tages în geriten Nun kam eines Tages, als man gerade
153 ein knapp, dô man ze tische gie, zu Tisch ging, ein Knappe angeritten,
154 den er vil wirdeclîche enphie den er [scil. Reinfried] sehr würdevoll empfing
155 und hiez im schaffen guot gemach, und dem er es angenehm zu machen befahl,
156 wan des ze zîten vil geschach, weil das damals in der Regel demjenigen zuteil wurde,
157 swer ûz ald în dô kam geriten: der auszog oder angeritten kam:
158 er spurte nâ künc Artûs siten Er folgte dem Brauch des König Artus,
159 daz man alle die enpfie dass man alle die empfing,
160 swer ûz ald în ze hove gie, die zum Hof kamen oder ihn verließen,
161 und phlac der keiserlîchen wol und sorgte so gut für die Hochwohlgeborenen,
162 dâ nach sô man denn leben sol. dass man sich daran ein Beispiel nehmen soll.
163 Alsus ouch hie des knappen wart So kümmerte man sich auch hier, seiner Herkunft
164 gepflegen wol nâch sîner art entsprechend gut um den Knappen
165 daz es in dûhte mê dan gnuoc. dass es ihn mehr als ausreichend dünkte.
166 als man die tische al hin getrouc Nachdem man die Tafel
167 nâ manger grôzer wirtschaft nach einem großen Mahl,
168 der dâ was mê denn überkraft, an dem wirklich nichts gefehlt hatte, aufgehoben hatte,
169 dô stuont er ûf und rette alsô da stand er auf und sprach wie folgt:
170 ,fürste hêr, bis iemer frô „Erhabener Fürst, sei immer froh
171 umb daz keiserlîche leben über das fürstliche Leben,
172 daz got ze sælden hât gegeben das Gott dir zum Glück für
173 dir ze dirre welte frist. diese Erdenfrist gegeben hat.
174 dîn lop sô verre erschollen ist Dein Lob ist so weit
175 dur manic wîtez rîchez lant. durch viele ferne Länder erklungen.
176 dîn nam dîn wirde sint erkant Dein Name, deine Würde sind so weit
177 sô wît und alsô verre und so fern bekannt,
178 daz ûf der welt kein herre dass auf Erden kein Herr
179 lept an wirde dîn genôz. lebt, der dir an Würde gleichkommt.
180 dîn êr dîn lop sô bodenlôs Deine Ehre und dein Ruhm sind so grenzenlos,
181 kan niemen gar durgründen. dass niemand sie vollständig beschreiben kann.
182 sus hoer ich wîten künden So höre ich weitum künden
183 dîn lop in allen landen dein Lob in allen Ländern:
184 sich hât dîn lîp ver schanden Du hast dich bisher aus freiem Willen
185 behüetet har mit frîger ger. vor jeglicher Schande bewahrt.
186 dâ von sô bin ich verre her Deshalb bin ich von fern hierher
187 ze dînem hove gestrichen, an deinen Hof gezogen
188 und künt dir sicherlichen und künde dir verlässlich,
189 sunder rede zâfel ohne blumige Worte,
190 ein ritterlîch runttâfel: von einer ritterlichen Tafelrunde:
191 dar kument rotten starke. Dorthin kommen starke Scharen.
192 sî hat von Tenemarke Die [scil. die Tafelrunde] hat die Tochter des Königs
193 des künges tohter ûf geleit, von Dänemark einberufen,
194 von der schoen man wunder seit von deren Schönheit man sich
195 wît in aller lande kreiz. in weitem Umkreis Wunder erzählt.
196 sich hebet dâ manic puneiz Da hebt sich mancher Stoß
197 von starker tjostiure. von starker Tjost.
198 in der âventiure Zu dieser Aventiure
199 ligent zwei hundert ritter sind zweihundert Ritter gekommen,
200 die sunder vorhte zitter die, ohne vor Furcht zu zittern,
201 mit stechen einen tac wol werent gut einen Tag mit Stechen überstehen
202 alle die es an sî gerent. gegen alle, die sie herausfordern.
203 und swer der best ist mit dem sper, Und wer der beste mit der Lanze ist,
204 dem gît diu minneclîchiu hêr, dem gibt die liebliche, hehre,
205 diu süeziu wol getâne, die süße wohlgestalte,
206 diu junge schoene Yrkâne, die junge schöne Yrkane,
207 von Tenemark des künges kint, das Kind des Königs von Dänemark,
208 der ouch die âventiure sint, von der diese Aventiure auch handelt,
209 ein junge turteltûben. eine junge Turteltaube.
210 bezeichenlîche klûben Man soll ihre Keuschheit
211 sol man ir kiuschekeit dar an, daran nur symbolisch rauben,
212 sît daz ir herze nie gewan denn ihr Herz gewann bisher weder
213 âmîs noch wart âmîe. einen Geliebten, noch wurde es Geliebte.
214 diu süeze wandels frîe Die süße Makellose
215 kiusche mit einvaltekeit verfügt über die durch die Taube bezeichnete
216 bezeichent mit der tûben treit: Keuschheit und Reinheit:
217 des hoert man sî noch gesten. Dafür wird sie heute noch gerühmt.
218 man siht ir schoene glesten Man sieht ihre Schönheit
219 sô verre sunder lougen. ganz ungelogen weithin glänzen.
220 ir spilet ûz den ougen Ihr leuchtet die Liebe
221 diu minne mit ir stricke. mit ihren Fallstricken aus den Augen.
222 ei got waz strenger blicke Ach Gott, was für stechende Blicke
223 sî girdeclîche schiuzet! sie voll Begierde verschießt!
224 der sælden tou begiuzet Der Tau des Glücks benetzt
225 ir herze ir leben und ir muot. ihr Herz, ihr Leben und ihre Gesinnung.
226 dar kunt sô manic ritter guot Dorthin kommt so mancher gute Ritter
227 gevarn ûz verren rîchen, aus fernen Reichen gereist,
228 daz sî die minneclîchen auf dass sie alle die Liebreiche
229 beschouwen dur ein wunder. wie ein Wunder bestaunen.
230 der strenge minne zunder Der starke Zündstoff der Liebe
231 ist in ir munt versunken, ist in ihren Mund gefahren,
232 daz man der minne funken dass man die Funken der Liebe
233 dar ûz möht sehen gneisten. daraus sprühen sehen könnte.
234 die vart solt du dar leisten: Die Fahrt dorthin sollst du auf dich nehmen:
235 des wirt dîn lop geblüemet. Davon wird dein Lob geschmückt.
236 dîn wirde ist gerüemet Deine Würde wird
237 sô verre und alsô wîte, so fern und so weit gerühmt, dass,
238 swar ich der lande rîte in welche Länder auch immer ich
239 diu breiten phat, den smalen stîc, auf breiten Pfaden, auf schmalen Steigen ritt,
240 sô frâget man ,von Brûneswîc man fragte: » Von Braunschweig
241 der werde fürste kunt der dar?‘ der edle Fürst, kommt der dorthin? «
242 alsus in allen landen gar Auf diese Weise wird wirklich in allen Ländern
243 sô wirt dîn nam genennet – auch in denen man dich nicht persönlich kennt –
244 dâ man dich niht erkennt. dein Name genannt.
245 Des soltu niht belîben. Deswegen sollst du dich nicht aufhalten.
246 von megden noch von wîben Es gab nie eine schönere Schar
247 wart schoener massenîe nie von Jungfrauen und Frauen,
248 denn nu ze disem hove hie als sich jetzt zu diesem Hoftag hier
249 sich sament ûz gesundert. in besonderer Weise versammeln.
250 diu künegîn fünf hundert Die Königin hat sich und fünfhundert andere
251 mit ir hât rîch bekleidet. prunkvoll eingekleidet.
252 swem daz ze sehende leidet, Wem dieser Anblick nicht gefällt,
253 der ist niht werdes gruozes wert. der ist edlen Grußes nicht wert.
254 und swer der best ist mit dem swert, Und wer der Beste mit dem Schwert ist,
255 dem ist ouch hôhez lop bereit. dem winkt auch großer Ruhm.
256 diu junge küneginne treit Die junge Königin trägt
257 ein küssen an ir mündelîn: ein Küsschen auf ihren Lippen:
258 daz sol er nên, wan ez ist sîn, Wer es mit Lob erringt,
259 swer ez mit lop erringet. der soll es nehmen, denn es ist sein.
260 diu minneclîche ez bringet Die Liebliche bringt es ihm
261 mit einem umbevange. mit einer Umarmung.
262 sî drucket wang an wange Sie drückt Wange an Wange
263 und munt an munt, daz ist sîn lôn. und Mund auf Mund, das ist sein Lohn.
264 ein vingerlîn sô gît diu schôn Einen Ring steckt die Schöne
265 im ouch an sînen vinger. ihm auch an seinen Finger.
266 sîn nôt ist deste ringer Wessen Lob in so hohem Ansehen steht,
267 iemer mê die wîl er lept, dass er ihre Huld erwirbt,
268 swes lop sô hôhe in wirde swept dessen Not ist gering,
269 daz er verdienet iren gruoz. so lange er lebt.
270 nu gênt mir urlop, herre, ich muoz Nun lasst mich gehen, Herr, ich muss
271 noch strîchen verre in frömdiu lant, noch weiter in fremde Länder eilen,
272 die âventiure tuon bekant.‘ um die Aventiure bekannt zu machen.“
273 Sus hât der knappe geseit. Dieses hat der Knappe gesagt.
274 der werde fürste unverzeit Der edle unverzagte Fürst
275 sprach ,lâ dich niht betrâgen. sprach: „Lass es dich nicht verdrießen.
276 ich muoz dich fürbaz frâgen Ich muss dich weiter fragen,
277 wer in der mark mit namen lige, wer sich namentlich in der Mark aufhält.
278 ob ich sô hôher sælden phlige Wenn ich so großes Glück habe,
279 daz sich mîn muot ellendet dar, dass meine Gesinnung in die Fremde strebt,
280 daz ich doch wizze wie ich var muss ich doch wissen, wie ich reise
281 und war ich solle rihten mich.‘ und wohin ich mich wenden soll.“
282 der knappe sprach ,daz wîs ich Der Knappe sprach: „Das zeige ich
283 dich, rîcher fürste hôch erborn. dir, mächtiger, hochwohlgeborener Fürst.
284 die runttâfel hât gesworn Zur Tafelrunde hat sich der Landesherr
285 von Tenemark des landes wirt, von Dänemark verpflichtet,
286 ein künic den schande gar verbirt, ein König, der sich gänzlich jeder Schande enthält
287 und ist genant Fontânâgris. und Fontanagris genannt wird.
288 von Schotten den künc Lôrîs Loris, den König von Schottland,
289 siht man ouch bî im rîten, sieht man auch bei ihm reiten,
290 und bî ir beider sîten und an ihrer Seite
291 rît Lerân von Berbester, reiten Leran von Berbester und
292 ein herzog von Wintsester Herzog Parlus
293 Parlus der fürste ziere. von Winchester, die Zierde der Fürsten.
294 sus man die herren viere So findet man diese vier Herren
295 mit zwein hundert ritter vint, mit zweihundert Rittern,
296 wan sî zesamen komen sint weil sie in Linion,
297 ze Liniôn der houbetstat der dänischen Hauptstadt,
298 in Tenemarke, dar man hât zusammen gekommen sind, wo man
299 den selben turnei hin genomen. das erwähnte Turnier anberaumt hat.
300 vil werder helt, dar solt du komen Edelster Held, dorthin sollst du dich schleunigst aufmachen,
301 nu schier ze mitter meigen zît damit du um die Mitte des Monats Mai,
302 diu mit kunft uns nâhe lît. der bald kommt, dort eintriffst.
303 dâ sol man vinden ritterschaft. Da wird man Ritterschaft finden.
304 ich wæne wol daz groezer kraft Ich glaube wohl, dass größere Stärke
305 von herren würd gesament nie von Herren noch nie zusammengebracht wurde,
306 sô nu ze disen zîten hie.‘ als hier und jetzt.“
307 Der fürste sprach ,ich hân den sin Der Fürst sprach: „Ich denke,
308 daz ich mich rüsten wil dâ hin, dass ich mich dorthin aufmachen werde,
309 ob mir got gan der selben zît wenn Gott mir gewährt, bis zum Termin
310 ze lebende als der turnei lît: des Turniers am Leben zu bleiben:
311 sô lân ich mich dâ vinden. Dann lasse ich mich dort sehen.
312 ich wil ie niht erwinden, Ich werde nicht zurückkehren,
313 ich schouwe dâ der fürsten schar.‘ ehe ich da die Schar der Fürsten gesehen habe.“
314 sus hiez er balde bringen dar So befahl er, dem Knappen
315 dem knappen rîcher gâbe solt rasch reichen Sold zu geben,
316 und sprach ,ich muoz dir iemer holt und sprach: „Ich werde dir immer gewogen
317 wesen dur die frumekeit, sein wegen des Umstandes,
318 daz du den hof mir hâst geseit, dass du mir von dem Hoftag erzählt hast,
319 dar ich mich wærlich rihten wil. wohin ich mich zum Kampf gerüstet wenden will.
320 ich bin dâ ûf dem selben zil, Ich komme dorthin,
321 mich irre, des ich niht enweiz, wenn mich nicht etwas, wovon ich noch nichts weiß,
322 solich sach von der geheiz aus zwingenden Gründen
323 ich niht enmüge vor noeten starc.‘ davon abhält.“
324 er gap dem knappen zehen marc Er gab dem Knappen zehn Mark
325 und rîchiu kleit und liez in varn und wertvolle Gewänder und ließ ihn abreisen
326 und bat got sîner verte warn. und bat Gott, ihn auf seiner Reise zu behüten.
327 Des seit der knappe im dankes gruoz. Dafür dankte der Knappe ihm.
328 gên sîner gâbe er ûf den fuoz Für das Erhaltene verneigte er sich
329 im schôn und zühteclîchen neic. hübsch anständig und tief vor ihm [scil. Reinfried].
330 ich weiz daz er sîn niht versweic Ich weiß, dass er seinen Namen nannte,
331 swâ er vor hôhen fürsten stuont. wo immer er vor einem hohen Fürsten stand.
332 tet man eht dô als sî nû tuont Hätte man damals gehandelt, wie die es heute tun,
333 die guot für êr went triuten! die Besitz der Ehre vorzuziehen belieben!
334 ich hoer sî vor den liuten Ich höre sie vor den Leuten
335 ûf mangen werfen lobes braht, manchen mit Lob überhäufen,
336 der doch in schanden lît verdaht: der doch bis über beide Ohren in Schande steckt:
337 diz tuot er umb ein alte wât. Er tut das um einen alten Lumpen.
338 dâ bî er ungerüemet lât Dabei lässt er den Edlen ungerühmt
339 und treit dem werden hazzes nît, und trägt ihm den Neid des Hasses nach,
340 ob er im gâbe niht engît. wenn er ihm nichts gibt.
341 waz daz? er ist dest arger niht, Was soll das? Er ist nicht umso böser,
342 ob der frome strâfe phliht wenn der Fromme ihm
343 verdolt von solichen sachen. die gerechte Strafe für solche Dinge erlässt.
344 kein gernder mac geswachen Kein gernder kann den Ruhm des Frommen
345 des fromen lop, sîn art sîn leben. schwächen, nicht seine Abstammung und auch nicht sein Leben.
346 er mag ouch êre niht engeben Er kann umgekehrt auch keine Ehre dorthin bringen,
347 dar dâ sî ungehûset hât. wo sie niemals zuhause war.
348 der gernden orden alsô stât, Die Regel der gernden lautet,
349 der fromen lop ûf künden, dass sie das Lob der Frommen verkünden
350 und die in schanden bünden und die strafen sollen,
351 sint, die sönt sî strâfen. die in Schande leben.
352 des muoz ich schrîgen wâfen Darum muss ich laut aufschreien
353 über mangen affen, über manchen Affen,
354 der dur eins giegen klaffen der glaubt, sein Laster werde durch
355 wænt sîn laster sî verdruht das Geschrei eines Narren übertönt,
356 und er doch hât ze schanden fluht. und der dennoch bei der Schande Zuflucht findet.
357 Des was niht hie: der gernde kneht So war es hier nicht: Der für sein Sprechen entlohnte Knappe
358 tet sînem lop mit lobe reht; tat seinem [scil. Reinfrieds] Ruhm mit Ruhm Recht;
359 wan swer sîn lop ze lobe leit, denn wer seinen Ruhm zu Ruhm legt,
360 dâ stât nâch lobe der êren kleit dem gereicht das Kleid der Ehre zum Ruhm
361 und zieret wirde reine, und ziert die reine Würde,
362 alsam die edeln steine wie rotes Gold aus Arabien
363 tuot rôtez golt von Arâbi. die edlen Steine ziert.
364 und swâ man den der lobes frî Und wo man den, der frei von Ruhm
365 ist, mit lobe bekleidet hât, ist, mit Ruhm bekleidet hat,
366 reht als der siuwe ein satel stât, geht er unter der Last des Ruhmes
367 sô gât er under lobes soun. wie eine Sau unter dem Sattel.
368 sîn lop zergât alsam der troun Sein Ruhm zergeht wie der Traum,
369 der blinden troumet umb ir sehen. den Blinde von ihrer Sehfähigkeit träumen.
370 an lop sol man die wârheit spehen: An Ruhm soll man die Wahrheit erkennen:
371 unlop bî lobe niht gezam. Schmähung und Ruhm zu vermischen, ziemt sich nicht.
372 alsus der knappe urlop nam So nahm der Knappe Abschied
373 und kunte fürbaz in diu lant und trug die Nachricht von der Aventiure weiter
374 die âventiure, als ir wol hânt in die Länder, wie ihr davor
375 dâ vor vernomen umb sin vart, in rechter Weise von seiner Reise, zu der
376 dar umb er ûz gesendet wart. er ausgesandt worden war, vernommen habt.
377 Nu lâzen got des knappen phlegen. Nun lasst Gott sich um den Knappen kümmern.
378 wie er gefüere under wegen, Wie es ihm unterwegs erging,
379 daz lâzen sîn und hoerent wie das lasst sein und höret, wie
380 von Brûneswic der fürste an vie der Fürst von Braunschweig sich
381 sich rihten ûf die selben vart. für diese Reise zu rüsten begann.
382 dô im sô ûz der mâze wart Als ihm die junge Yrkane so
383 diu junge Yrkân gerüemet, über die Maßen gepriesen worden war –
384 wie daz ir lop geblüemet und wie sie durch Schönheit
385 ob allen frouwen hôhe flüge übergroßen Ruhm auf sich zog,
386 und wie sî mit der schoene züge wovon ihr Name an Würde
387 an sich sô übermæzic lop, über allem Lobpreis schwebte –
388 dâ von ir nam an wirde op wovon ihr Namen an Würde
389 allem prîse swepte, über allem Ruhm schwebte –
390 und hôrt daz niemen lepte und er hörte, dass niemand lebte,
391 an schoene an zühten ir genôz, der ihr an Schönheit und Anstand gleichkam,
392 dâ von im in sîn herze flôz floss ihm, an sie denkend, davon
393 ein smerze mit gedenken. der Schmerz in sein Herz.
394 ein süezez jâmer senken Eine süße Sehnsucht nach ihr
395 begunde er in sîns herzen grunt schlich sich tief in sein Herz,
396 nâ ir, daz er etlîcher stunt sodass er einige Stunden
397 sich selben gar verdâhte. ganz in seinen Gedanken versunken war.
398 zehant im aber brâhte Schnell brachte ihm sein Verstand
399 der sin ander unmuoze, wieder anderes Ungemach
400 wie er sich nâ ir gruoze wie er sich ihretwegen
401 solt erbeiten ûf die vart auf die Reise machen sollte,
402 der er dur niht wendic wart. von der ihn nichts abbrachte.
403 Daz leit er an, nu hoerent wie. Nun hört, wie er die Sache anging:
404 er hiez besenden alle die Er befahl, all jene zu informieren,
405 an den im triuwe was bekant deren Treue ihm bekannt war
406 und swel er in dem sinne vant und von denen er wusste,
407 daz sî des kunden ruochen, dass sie mit ihm
408 ob er den hof wolt suochen, auf seine Reise kämen,
409 daz sî füeren mit im dar. wenn er besagten Hof aufsuchen wollte.
410 die nam er al ze sîner schar Die nahm er alle in seine Schar auf
411 und hiez sî vazzen in ein kleit, und befahl, sie gleichartig zu kleiden,
412 wol ahzic ritter, sô man seit, gut achtzig Ritter, so sagt man,
413 junc unde starc, des lîbes frech. jung und stark, auf ihre Körperkraft vertrauend.
414 und grôziu ros swarz als ein bech Und große Rösser, schwarz wie Pech,
415 hiez er gewinnen dur diu lant. befahl er in den Ländern zusammenzusammeln.
416 swaz man von rîcher koste vant, Was man von hohem Wert befand –
417 orse kleider liehtiu wât, Pferde, Kleider, hell glänzendes Gewand –
418 dâ mit diu welt iez umbe gât, womit die Welt jetzt geizt,
419 des wolt er hân mê dan genuoc. davon wollte er mehr als genug haben.
420 sîn herz sô frîgen willen truoc Sein Herz war so freigebig,
421 daz er dur kost niht wolte lân dass er sich durch keine Kosten von etwas abhalten lassen wollte,
422 swaz man ze êren solte hân. das einem zur Ehre gereichen würde.
423 Daz tuont doch iez die herren niht. Das machen die Herren heutzutage nicht.
424 in hôher fürsten hof man siht Am Hof hoher Fürsten sieht man
425 klein guot dik wider êren sparn. oftmals auf Kosten der Ehre an Kleinigkeiten sparen.
426 des muoz ir hêrschaft werden arn: Davon wird ihre Herrschaft arm werden:
427 wan swaz man gên den êren spart, Denn was man auf Kosten der Ehre spart,
428 daz wirt doch ûf unêren vart das wird zuletzt doch auf dem Pfad der Schande
429 ze jungest lasterlich verzert. auf lasterhafte Weise vernichtet.
430 alsus der herren guot ververt. So geht das Gut der Herren verloren.
431 des tet er niht, er kunde lân Das tat er [scil. Reinfried] nicht, er wusste
432 ze rehter zît und kund ouch hân zu rechter Zeit zu geben und auch
433 in der mâze daz er nie Maß zu halten, sodass in ihm nie
434 scham umbe hân noch lân enphie. Scham über Haben oder Geben aufstieg.
435 alsus er sich ûf ruste. So rüstete er sich.
436 under sîner bruste In seiner Brust
437 lag ie verborgentlîch diu magt, verborgen lag stets die Jungfrau,
438 von der der knappe hât gesagt, von der der Knappe erzählt hatte,
439 diu süeziu wol getâne, die süße, wohlgestalte,
440 diu minneclîch Yrkâne, die liebliche Yrkane,
441 der schoen für alle frouwen brach. deren Schönheit alle Frauen überstrahlte.
442 daz strenge süeze ungemach Das harte süße Ungemach
443 tet in ersiufzen dicke. ließ ihn oftmals aufseufzen.
444 im hât der minne stricke Das Band der Liebe hat ihm
445 sîn wildez herz gezemmet, sein unbändiges Herz gezähmt
446 mit süezer nôt beklemmet und mit süßer Not beklommen gemacht,
447 mê denne er vor wær gewon. mehr als er es zuvor gewohnt gewesen war.
448 zuo dem hove was im dâ von Deshalb hatte er es so eilig,
449 sô gâch daz er niht wolte tweln. an den Hof zu gelangen, dass er nicht warten wollte.
450 ûf siben soumer sunder zeln Sieben Lasttiere befahl er, ohne darüber Buch zu führen,
451 hiez er golt und silber tragen. mit Gold und Silber zu beladen.
452 er luot vil mangen starken wagen Er belud manch starken Wagen
453 mit kleinet harnasch liehter wât, mit Kleinodien, Rüstungen, hell glänzender Kleidung,
454 daz fürsten wol ze êren stât. was ehrbaren Fürsten wohl geziemt.
455 Sus hât er sich gerüstet wol. So hatte er sich gut gerüstet.
456 drivalteclichen, swaz man sol Was man haben sollte,
457 hân, daz fuort er mit im dar. führte er in dreifacher Ausführung mit sich.
458 nu kan diu zît ouch nâhe gar Nun rückte die Zeit auch schon sehr nahe,
459 dar ûf der turnei was geleit. auf die das Turnier gelegt worden war.
460 dâ von der helt von hûse reit Daher ritt der Held von zuhause weg,
461 mit rîcher koste keiserlich. reich und fürstlich ausgestattet.
462 sîn schar mit grôzen rotten sich Seine Schar breitete sich
463 zerspreit ûf acker und ûf velt. mit großen Rotten über Äcker und Felder.
464 sîn lop nâ hôher wirde gelt Sein Lob nach der Geltung hoher Würde
465 was mê denn lange wernde. währte mehr als lange.
466 ob iemen dâ wær gernde Ob da jemand nach
467 umb êre guot? jâ, der was vil. großer Ehre strebte? Ja, deren waren viele.
468 von rotten harphen seiten spil Von rotten, Harfen, Saitenspiel,
469 tambûr bûsûn schalmîgen Tamburinen, Posaunen und Schalmeien
470 hôrt man in lüften schrîgen hörte man es in der Luft dröhnen
471 sam ungewiters dunres krach. wie beim Donnergrollen eines Unwetters.
472 der dôz dur tal und berge brach Der Schall brach durch Täler und Berge,
473 daz ez dâ von moht zittern. dass es davon vibrierte.
474 er fuor mit ahzic rittern Er [scil. Reinfried] fuhr mit achtzig Rittern,
475 gerüstet wol nâ ritters lop. gerüstet, wie es Rittern gut ansteht.
476 von tanphe swebet ein nebel op Vom Dampf schwebte ein Nebel über
477 in, swele strâze sî joch riten, ihnen, auf welcher Straße sie auch ritten;
478 gar nâ keiserlîchen siten ganz fürstlich
479 rûschent sam daz Wuotes her. stürmten sie wie das Heer Wotans heran.
480 ir rîten mahte sunder wer Ihr Reiten führte unweigerlich dazu,
481 daz der melm und ouch daz loup dass der Staub und auch das Laub
482 ob in hôh in den lüften stoup, über ihnen hoch in die Luft stiegen,
483 als ob ez allez brünne. als würde alles brennen.
484 sîn oberestiu wünne Seine [scil. Reinfrieds] größte Wonne
485 was niuwan der gedenken war allein der Gedanke an diejenige,
486 diu im ze herzen senken die sich ihm unsichtbar
487 sich kunde unsihteclîche. ins Herz zu senken wusste.
488 diu süeze minneclîche Die süße Liebliche
489 im nie kam ûz den sinnen. kam ihm nie aus dem Sinn.
490 sîn herze muose minnen Sein Herz musste lieben,
491 die doch sîn ouge nie gesach. die sein Auge doch nie gesehen hatte.
492 ich wæn ez selten ie beschach Ich glaube, es geschieht nicht oft,
493 daz sich ein herz lâ binden, dass sich ein Herz binden lässt,
494 ê daz daz ouge vinden bevor das Auge sein
495 künne sîn listic girde. listiges Begehren finden kann.
496 sît nâch des ougen wirde Denn nach dem, was dem Auge gefällt,
497 ein herz ûf minn sich rihtet, richtet sich ein Herz auf Liebe;
498 daz ouge muoz gephlihtet das Auge muss dem Herzen
499 ze boten an daz herze sîn. als Bote dienen.
500 und swie sî went, der ougen schîn, Und wohin immer es den Blick wendet,
501 dâ volget sin und herze nâch. dahin folgen Verstand und Herz nach.
502 wie kam ez dô daz hie sô gâch Wie kam es dann, dass hier das Herz
503 dem herzen was mit sinnen dar mit den Sinnen so eilig zu ihr drängte,
504 ê ir daz ouge næme war? noch bevor das Auge sie erblickt hatte?
505 Des wil ich iuch ûz rihten Das will ich euch genau erklären
506 und ûf ein ende slihten, und bis zum Ende darlegen,
507 ob mir got gan der sinne. wenn Gott mir den Verstand dazu gab.
508 ich sprich daz rehtiu minne Ich sage, dass rechte Liebe
509 sî sô gar gehiure allen Lebewesen
510 für alle crêâtiure so ganz und gar angenehm ist,
511 daz sî niht wan des besten gert. dass sie ausschließlich das Beste begehren.
512 nu hât den hôhen fürsten wert Nun hat den hohen werten Fürsten
513 diu stætiu minne enzündet. die beständige Liebe entzündet.
514 dem herzen wart gekündet Das Herz schloss Bekanntschaft
515 ein sendez lieplich ungemach. mit einem sehnenden lieblichen Ungemach.
516 dar inne man ez ligen sach Darin sah man es
517 verworren und verwalken. verwirrt und verwelkt liegen.
518 an einer leige valken An einer Falkenart
519 spür ich ein lobelîche art, erkenne ich eine so ehrbare Haltung,
520 daz im sô wê von hunger wart dass keinem von ihnen jemals so weh vom Hunger
521 nie, daz er iht næme wurde, dass er irgendein Aas genommen hätte,
522 âz daz im missezæme: das ihm nicht bekommen wäre:
523 er lite ê hungers smerzen. Eher litte er die Schmerzen des Hungers.
524 er wil niht wan der herzen Er will nichts außer den Herzen
525 im ze spîse niezen. als Speise zu sich nehmen.
526 daz merken kan în giezen Die Beobachtung zeigt,
527 daz er des besten niuwan wil. dass er nichts als das Beste will.
528 alsus wil ouch der minne spil Genauso will auch das Spiel der Liebe
529 gewalteclîch in herzen ligen. mit Kraft in Herzen liegen.
530 swenn im daz herz lât an gesigen, Wenn das Herz die Oberhand behält,
531 sô ist ouge und ôre tôt. sind Auge und Ohr machtlos.
532 daz herze alleine lîdet nôt Das Herz alleine leidet Not
533 und kan ouch trôst enphâhen. und kann auch getröstet werden.
534 ein oug sich mac vergâhen Ein Auge kann sich übereilen,
535 sô daz ein herze umbehuot sodass ein unbewachtes Herz
536 dick wider sînem willen tuot oft aus unvernünftiger Liebe
537 an unbesinter minne. gegen seinen Willen handelt.
538 minn ist ein meisterinne Die Liebe ist eine Meisterin,
539 diu sich ie hât geflizzen des, die sich seit jeher dadurch auszeichnet,
540 daz sî niht nâ dem winkelmez dass sie nicht nach dem Winkelmaß,
541 sunder ougen rihten wil. sondern nach dem Auge richtet.
542 irs gewaltes ist sô vil Ihre Gewalt und ihre
543 und irre wunderlîcher kraft, wundersame Kraft sind so groß,
544 swar sî sich senket enkerhaft, dass, wohin sie sich gleich einem Anker senkt,
545 dâ muoz ir maht ouch ob geligen. dort ihre Macht auch oben zu liegen kommt.
546 oug unde herze an gesigen Sie kann Auge und Herz
547 kan sî mit gewaltes maht. mit der Macht ihrer Gewalt besiegen.
548 diu minne im an sîn herze vaht Die Liebe griff ihm sein Herz an
549 und woldez best zem êrsten. und wollte es auf der Stelle.
550 sî wîst in an die hêrsten Sie lehrte ihn die hehrste,
551 lobelîchesten minne löblichste Liebe,
552 die in keins herzen sinne die bisher noch niemals
553 ie ungesehen wâren komen. ohne Anblick in ein Herz gelangt war.
554 man hât ze Tenemark vernomen Man hatte in Dänemark sehr wohl
555 wol von des werden fürsten kunft, von der Ankunft des Fürsten gehört,
556 der iez mit ritterlîcher zunft der jetzt mit ritterlicher Würde
557 und mit hôhes brahtes dôn und mit lautem Getöse
558 was bî der stat ze Liniôn; bei der Stadt Linion war,
559 dar ouch der turnei was geleit. wo auch das Turnier anberaumt war.
560 Fontânâgrîse wart geseit, Fontanagris, dem König aus
561 dem künge ûz Tenemarke, Dänemark, wurde gesagt,
562 wie daz mit maniger barke wie der von jeder Schande Freie
563 wær kon der schanden træge, mit vielen Schiffen gekommen war;
564 ich mein von Norwæge ich meine den jungen König
565 der junge künic Palarei. Palarei von Norwegen.
566 sîn sorge diu was gar enzwei, Seine Sorge war ganz und gar verflogen,
567 dô er sach der ritter schar als er die Schar der Ritter
568 zuo sîgen allenthalben dar schnell zu allen Seiten
569 vast ze allen sîten. hernieder steigen sah.
570 von Brûneswic für rîten Der von Braunschweig befahl
571 hiez und balde gâhen, vorauszureiten und sich sehr damit zu beeilen,
572 im herberge enphâhen ihm in der Stadt eine
573 wirdeclichen in der stat. standesgemäße Unterkunft aufzutreiben.
574 daz was versûmet, wan sî hât Da waren sie zu langsam,
575 Lôrîs der Schotten vogt belegen denn Loris, der Herr der Schotten,
576 und Parlus ein vil werder degen, und Parlus, ein überaus edler Held,
577 der herzog ûz Berbester. der Herzog aus Berbester, hatten sie [scil. die Stadt Linion] belegt.
578 Jôrân von Wintsester Auch Joran von Winchester
579 mit herberg in der stat ouch lac, hatte Herberge in der Stadt genommen,
580 wan er der âventiure phlac. da er wegen der Aventiure gekommen war.
581 Sus was er gar versûmet. So war er wirklich zu langsam gewesen.
582 im mohte niht gerûmet Ihm konnte keine Herberge
583 herberge werden sîner schar. für seine Schar frei gemacht werden.
584 Sî fuoren zuo dem künge dar, Sie wandten sich an den König,
585 ich mein Fontânâgrîsen. ich meine Fontanagris.
586 nâch herberge wîsen Sie baten seine Hoheit,
587 bâten sî sîn werdekeit. sie zu einer Herberge zu weisen.
588 er sprach ,der turnei ist geleit Er sprach: „Das Turnier ist draußen,
589 hin für die stat ûf einen plân, auf einer Ebene vor der Stadt, anberaumt,
590 wan wir niht dinne wîte hân. weil wir drinnen keinen Platz haben.
591 dâ herbergent ûf daz velt. Lagert auf dem Feld.
592 ich schaffe iuch hütten und gezelt, Ich beschaffe euch Hütten und Zelte,
593 dâ ir nâ lobelîcher maht wo ihr auf ehrenhafte Weise
594 belîbent wol vil manic naht.‘ gut viele Nächte bleiben könnt.“
595 Des seiten im die boten danc. Dafür sagten ihm die Boten Dank.
596 von Brûneswic, des herze ie ranc Der von Braunschweig, dessen Herz stets nach
597 nâch hôhen êren, zogte în. hohen Ehren strebte, zog in die Stadt.
598 sîn schar geordent muose sîn Seine Schar soll ganz nach Wunsch
599 vil gar nâch des wunsches segen. geordnet gewesen ein.
600 man sach von êrste drîzic wegen Zuerst sah man dreißig Wägen
601 dur die stat ze Liniôn. durch die Stadt Linion ziehen.
602 dar nâch man siben soumer schôn Nach ihnen führte man sieben herrliche
603 zôch, die truogen goldes last Lastpferde, die so schwer an Gold trugen,
604 sô daz in koste niht gebrast. dass es ihnen an nichts fehlte.
605 dar nâch man zühtenclichen zôch Danach führte man sehr anständig
606 wol hundert ros, diu wâren hôch, an die hundert langbeinige Pferde,
607 alsô grôz und alsô starc, so groß und so kräftig,
608 daz alle die von Tenemarc dass sämtliche Dänen
609 sô grôziu nie gesâhen, so große noch nie gesehen hatten,
610 des sî gemeine jâhen. wie sie einstimmig erklärten.
611 Sus fuoren sî hin dur die stat. So zogen sie hin zur Stadt.
612 und als daz volc bevunden hât Und als das Volk die Ankunft des Fürsten
613 des fürsten kunft und ouch sîn siten, und auch sein Auftreten mitbekommen hatte,
614 dô wart niht langer dô gebiten: wurde da nicht länger gewartet:
615 dur schouwen sî ûz liefen. Sie liefen heraus um zu schauen.
616 die krîer lûte riefen Die Ausrufer schrien laut:
617 ,von Brûneswic der Sahsen vogt „Von Braunschweig der Landesherr der Sachsen,
618 der kunt sô keiserlîch gezogt der kommt so fürstlich dahermarschiert,
619 daz sin lop hôch in wirde swept. dass sein Ruhm hoch in Würde schwebt.
620 danc hab ein fürste der sô lept Dank sei dem Fürsten, der so gegenüber
621 gên got und gên der welte. Gott und der Welt lebt.
622 er tuot mit sînem gelte Mit seinem Einsatz leistet er
623 vil unde vil mê danne vil. viel und viel mehr als viel.
624 ei waz er sper verswenden wil Ei, was er der Ehre wegen und um die Gunst edler Frauen
625 dur êre und werder wîbe segen.‘ an Lanzen verschwenden wird!“
626 alsus sî liefen after wegen So liefen sie hinter ihm her
627 und schriuwen lop mit schalle. und verkündeten laut sein Lob.
628 die liut gemeinlich alle Die Leute waren alle gemeinsam
629 dur schouwen wârn geloufen dar. herbeigelaufen um zu schauen.
630 zwei hundert was der êrsten schar, Die erste Schar zählte zweihundert
631 schiltknehte, die mit guoten siten Schildknechte, die hübsch ordentlich
632 ie zwêne bî ein ander riten: zwei und zwei nebeneinander ritten:
633 die fuorten sper und kreiger dâ. Die trugen Lanzen und Helmzeichen.
634 den kam zehant geriten nâ Unmittelbar hinter ihnen ritt
635 ein jungiu schar gesundert, geschlossen eine junge Schar.
636 der was wol ûf hundert Ihrer waren gut hundert
637 zwei und zwei der schoensten knaben der hübschesten Knaben – immer zwei und zwei –
638 sô edel art ie moht gehaben von so edler Abstammung, wie es
639 über allez Sahsen lant. im ganzen Sachsenland nur geben konnte.
640 ieclîcher fuort ûf sîner hant Ein jeglicher führte auf seiner Hand
641 ein sprinzelîn dur muotes guft. zur Freude des Gemüts ein kleines Sperberweibchen.
642 dar nâ gezieret wart der luft Danach wurde die Luft erfüllt
643 von überdôn des schalles krach, vom Dröhnen lauten Lärms,
644 sô daz ez dur die wolken brach so dass es mit Getöse durch die Wolken
645 mit brahte sam ein dunres dôz. brach wie das Grollen des Donners.
646 der schal von phîfen wart sô grôz Der Schall der Blasinstrumente wurde so laut,
647 daz ez in leit zerstôrte. dass er ihnen ihren Kummer nahm.
648 nieman den andern hôrte, Niemand hörte vom anderen,
649 waz er seite ald waz er sprach. was er sagte oder sprach.
650 dar nâch man hundert ritter sach Danach sah man hundert Ritter
651 ie zwêne sament rîten: immer zu zweit nebeneinander reiten:
652 sît noch vor den zîten Weder vorher noch nachher
653 wart nie beschouwet schoener schar, wurde jemals eine schönere Schar betrachtet.
654 in ein kleit alle sament gar Sie alle trugen wahrhaftig
655 von phell bekleidet ungelogen, Kleider ganz aus Pelz,
656 mit hermîn wîz schôn underzogen mit Hermelin weiß unterfüttert
657 und von koste tiure. und überaus wertvoll.
658 dar nâch kam der gehiure Danach kam der herrliche
659 Reinfrit von Bruneswîc gezogt. Reinfried von Braunschweig daher geritten.
660 wær er ze Rôm gewesen vogt, Wäre er Herrscher in Rom gewesen,
661 dâ moht niht mê sîn schalles. hätte nicht mehr Getöse sein können.
662 nu kan geloufen allez Nun kam alles gelaufen,
663 daz in der stat von liuten was, was an Leuten in der Stadt war,
664 beidiu dur wunder und dur daz sowohl aus Neugier als auch, damit
665 sî den keiserlichen helt sie den fürstlichen Helden
666 sæhen der dâ ûz erwelt sähen, der da auserwählt
667 was vor den argen veigen. war vor den bösen Todgeweihten.
668 wê wel ein vingerzeigen Weh, wie die Leute da anhoben,
669 huop sich von den liuten mit dem Finger auf ihn zu zeigen,
670 ûf in der êre triuten der mit der Begierde seines Herzens
671 kunde mit herzegirde. Ehre auf sich zu ziehen wusste.
672 sîn hôchgelopte wirde Seine hoch gepriesene Würde
673 wart lûterlîch gerüemet. wurde lautstark gerühmt.
674 sîn lop daz wart geblüemet Sein Ruhm wurde von Einheimischen
675 von kunden und von gesten. und Fremden geschmückt.
676 die dannoch niht enwesten Die seine Abstammung da
677 sîn art, die hôrt man prîsen noch nicht kannten, die hörte man
678 den zühterîchen wîsen den hochanständigen Weisen
679 beidiu edel und gedigen. als edel und tüchtig preisen.
680 aller herren lop geswigen Das Lob aller anderen Herren
681 wart ân in, hân ich vernomen, verstummte vor ihm, habe ich gehört,
682 wan sîn lop was vollekomen. denn sein Lob war vollkommen.
683 Sus was er komen ûf daz velt. So war er auf das Feld gekommen.
684 er sluoc manic hôh gezelt Er schlug viele hohe Zelte
685 und manic wîtez pavilûn. und manch geräumigen Pavillon auf.
686 sîn schar diu nam sô wîten rûn Seine Schar, die brauchte so viel Platz,
687 daz er des veldes vil belac. dass er einen Großteil des Feldes besetzte.
688 sîn sin sô hôher koste phlac Er war von so freigebiger Gesinnung,
689 daz er vil guotes rêrte. dass er reichlich austeilte.
690 ê man ein hant bekêrte, Von einem Augenblick auf den anderen
691 dô was reht als ein grôziu stat war da wirklich so etwas wie eine große Stadt,
692 dâ er ûf geslagen hât wo er seine Herberge
693 sîn herberg ûf dem plâne: auf der Ebene aufgeschlagen hatte:
694 der fürste wandels âne Der makellose Fürst befahl,
695 hiez dur die stat hin schrîgen, zur Stadt hin zu verkünden, dass,
696 swâ ritter grâven frîgen wo immer Ritter, Grafen oder Freie
697 wæren unenthalten, voll Tatendrang wären,
698 die solten unverschalten sie seiner Schar
699 sîn sîner massenîe. willkommen sein sollten.
700 al diu companîe Die ganze Gruppe
701 der gernden hât sich dar gemaht, der Tatendurstigen hat sich dorthin aufgemacht,
702 daz niemen hâte keinen braht sodass niemand jemanden gebracht hatte,
703 wan er der schande ie schûhte. der nicht seit jeher Schande scheute.
704 al dur die naht sô lûhte Durch die Nacht leuchtete
705 von kerzen manic grôzez fiur. manch großes Feuer von Kerzen.
706 giuden brehten was niht tiur Freudenlärm war nicht selten
707 in der herberge dâ er lac, in der Herberge, wo er lag,
708 die ganze naht unz an den tac. die ganze Nacht bis Tagesanbruch.
709 Alsus diu vinster naht zergie So verging die dunkle Nacht
710 mit grôzem schalle unde vie mit großem Lärm und begann
711 der tac mit liehtem schîne zuo. der Tag mit hellem Schein.
712 und man den sunnen morgen fruo Und als man die Sonne früh am Morgen
713 die wolken sach durschrenzen, die Wolken durchbrechen sah,
714 dô spurte man ein glenzen da sah man von der Stadt aus
715 ûz der stat har ûf daz velt, ein Glänzen auf dem Feld,
716 dâ manic keiserlîch gezelt wo manch fürstliches Zelt am Spieß
717 stuont ûf geriht in knophes spiz, des Knaufs aufgerichtet stand,
718 daz diu sunne widergliz sodass die Sonne vom Gold,
719 nam von dem golde daz dâ schein. das da glänzte, widerspiegelte.
720 vil kurzelîche wart dô ein Schon bald wurde da
721 messe schôn gesungen in angemessener Weise eine Messe gesungen,
722 und wart dô zuo gedrungen zu der die Herren
723 von herren zühteclichen schôn. wohlgesittet herbeiströmten.
724 dar nâch man hôrte mangen dôn Danach hörte man manchen Ton
725 von phîfen und tambûren. von Blasinstrumenten und Handtrommeln.
726 man sach dâ niemen tûren Man sah da niemanden trauernd
727 noch haben keine swære. oder bedrückt.
728 ir herze an sorgen lære Ihr sorgenfreies Herz
729 kund in den muot erfrischen. wusste ihnen das Gemüt zu erfrischen.
730 sus gie man zuo den tischen So ging man zu den Tischen,
731 und âzen alle schiere und die sich da ritterlich betätigen wollten,
732 ein klein pittimansiere, aßen alle schnell
733 die wolten würken schiltes amt. ein kleines Frühstück.
734 dar nâch geswinde alle samt Danach rüsteten sich alle geschwind,
735 sich rusten ûz ze velde um mit öffentlicher Ankündigung
736 mit offenlîcher melde. auf das Feld zu ziehen.
737 Sus warp der wandels frîe. So handelte der Makellose.
738 nu kam ûf der plânîe Nun kam auch ein starkes Heer
739 mit rotten ouch ein kreftic her. mit Kampfgruppen auf die Ebene.
740 die hât gefüeret über mer Die hatte der König Palarei
741 mit im der künic Palarei mit sich über das Meer geführt,
742 des herze ie nâ triuwen schrei, dessen Herz immer nach Treue rief,
743 wan im kein laster was bekant. weil ihm kein Laster bekannt war.
744 dar was der künc von Engellant Auch der König von England
745 ouch komen hin mit grôzer maht, war mit einer großen Streitmacht dorthin gekommen
746 Flôrin, der ie nâ êren vaht, – Florin, der immer um Ehre kämpfte –
747 und wolt dâ prîs erringen. und wollte da Ruhm erringen.
748 alsus mit disen dingen So, mit diesen Details,
749 sô kunt diu âventiure. erzählt es die Aventiure.
750 Lôrîs der künc gehiure Loris, der gute König
751 von Schotten und Fontânâgrîs von Schottland, und Fontanagris
752 von Tenemark die fürsten wîs von Dänemark, die weisen Fürsten
753 und Jôrân von Berbester, und Joran von Berbester,
754 der herzog ûz Wintsester der Herzog aus Winchester,
755 kan mit in ze velde dar der mit ihnen dorthin auf das Feld kam,
756 und brâhten schôn in einer schar führten, schön in einer Schar,
757 vier hundert werder ritter, vierhundert werte Ritter,
758 die âne vorhtes zitter die ohne das Zittern der Furcht
759 wol kunden werben ritters tât. gut nach ritterlicher Tat zu streben wussten.
760 ein wâfen schôn bekleidet hât Sie alle kleidete eine Rüstung
761 sî al mit einer varwe. hübsch in der gleichen Farbe.
762 man unde ros man garwe Mann und Ross sah man
763 sach einer varwe liuhten. gar in einer Farbe leuchten.
764 von mangem grüenn geriuhten Von viel grünem aufgerauten
765 samît was ir wâfenkleit. Samt war ihr Waffenkleid.
766 ein turteltûbe schôn geleit Eine Turteltaube war schön
767 was dar în ûf des schiltes tach. in die Schildbedeckung eingelegt.
768 die baner man ouch glesten sach Die Banner sah man auch
769 nâ dem selben glanze. im selben Glanze glänzen.
770 mit mangem rôsen kranze Mit manchem Kranz von Rosen
771 wâren sî gekroenet. waren sie gekrönt.
772 diu heide was geschoenet Die Heide war von viel
773 mit manger hôhen wirdekeit. großer Herrlichkeit verschönert.
774 dar nâch in hôher wirde reit Dorthin ritt in hoher Würde
775 des Wunsches kint, der sælden hort, das Wunschkind, der Hort des Glücks,
776 ein reizel gar ûf alliu ort allerorten eine Verlockung
777 gên minneclîcher minne, gegenüber lieblicher Liebe,
778 der sinne stoererinne, die Aufrührerin der Sinne,
779 diu mangen ân ir wizzen bant. die manchen ohne sein Wissen fesselte.
780 ein turteltûbe ûf der hant Die Schöne führte
781 fuorte diu gehiure. eine Turteltaube auf der Hand.
782 ich wæn diu âventiure Ich glaube, die Aventiure
783 wær komen von dem grâle, stammte vom Gral,
784 wan man ze mangem mâle weil man immer wieder
785 in stürmen und in reisen bei Sturmangriffen oder auf dem Kriegszug
786 sach die templeisen die Templeisen die Reinheit der Turteltaube
787 der turtur kiusche füeren. als Zeichen führen sah.
788 unkiusch getorst gerüeren Unkeuschheit wagte keinen
789 keinen, seit man sunder wân, zu berühren, der dem Gral diente,
790 der dem grâl was undertân: so sagt man voll Überzeugung:
791 des fuorten sî diz zeichen. Darum führten sie dieses Zeichen.
792 man sach ûf hôhe reichen Man sah hoch oben
793 ein purpur an vier scheften, einen Purpurstoff auf vier Stangen,
794 daz wart gefüert mit kreften der mit Kraftaufwand
795 enbor von grâven vieren. von vier Grafen in der Höhe getragen wurde.
796 dar under bî den zieren Darunter ritt mit Schmuck
797 reit diu minneclîche magt. die liebliche Magd.
798 swaz man singet oder sagt, Was auch immer man singt oder erzählt,
799 daz was niht gên dem schouwen. war nichts gegenüber dem, was man hier sah.
800 sî hât fünf hundert frouwen Sie hatte fünfhundert Frauen
801 mit ir in ein gekleidet. genau wie sich selbst gekleidet.
802 diu welt sô hinnen scheidet Die Welt geht unter,
803 daz niemer solich hof ergât: bevor es wieder so einen Hoftag gibt:
804 des wæn ich wol als ez nû stât. So, wie es jetzt steht, glaube ich das bestimmt.
805 Sus kômen sî ze velde her. So kamen sie hierher auf das Feld.
806 man fuort in vor sô manic sper Vor ihnen führte man so viele Lanzen
807 von dürren stangen vesten, aus trockenen, festen Stangen,
808 daz dâ dur niht gelesten dass da kein heller Sonnenstrahl
809 moht der liehten sunnen glast. hindurch leuchten konnte.
810 ich wæne verrer denn ein rast Ich glaube, weiter als eine rast entfernt
811 hôrte man des dônes guft, hörte man des Lärmes Schall,
812 als ob diu erde und der luft als ob Erde und Luft
813 wider ein ander duzzen. aufeinander prallten.
814 sus in den wolken schuzzen So dröhnten in den Wolken
815 bûsînen tambûre slagen, Posaunen und das Schlagen der Tamburine,
816 dâ von die berge mohten wagen. dass die Berge davon erzittern konnten.
817 sus gieng ez allez dôsen. So toste alles.
818 ezn dorfte niemen kôsen Es brauchte niemand zu versuchen
819 dem andern in sîn ôre. dem anderen ins Ohr zu flüstern.
820 noch dicker denn in rôre Noch besser, als wenn sie aus Rohr gewesen wären,
821 diu sper dâ sament hielten. hielten die Lanzen da zusammen.
822 niht langer dâ entwielten Der Braunschweiger und seine Schar
823 von Brûneswîc mit sîner schar: warteten da nicht länger:
824 die kâmen ouch ze velde dar. Die kamen auch hierher auf das Feld.
825 Der hât sich ûz gesundert, Er und seine hundert Ritter
826 er und sîn ritter hundert: hatten sich besonders hervorgetan:
827 die dorfte niemen strâfen. Die brauchte niemand zu tadeln.
828 sî fuorten alle ein wâfen Sie trugen alle eine Rüstung
829 von kostelîcher stiure, von hohem Wert,
830 wan nâ der âventiure denn auf der Jagd nach dieser Aventiure
831 in keiner kost bevilte. scheuten sie keine Kosten.
832 man sach daz in die schilte Man sah, dass ihre Schilde
833 geteilet wâren in zwei vach, in zwei Felder geteilt waren:
834 von obene dur des randes tach vom oberen Rand
835 gehalbieret dur den spiz. zum Spitz hin halbiert.
836 von Arâbî gap liehten gliz Aus dem einen Feld leuchteten
837 daz ein vach von drîn stücken. drei Teile aus arabischem Gold.
838 daz golt sich underdrücken Kein Glanz ist heller
839 niht lât mit keinem glaste. als der dieses Goldes.
840 von zobel glizzen vaste Drei andere Teile aus Zobel
841 driu ander stucke gezilt. glänzten genauso hell.
842 sô fuorten sî den halben schilt So führten sie [scil. Reinfrieds Ritter] den halben Schild
843 geworht mit hôhem flîze. mit großem Fleiß gefertigt.
844 von fînen berlen wîze Die andere Hälfte war
845 was daz ander überleit, von feinen weißen Perlen überzogen
846 und was nâ wunsch dar în gespreit und es war aufs Schönste aus roten Rubinen
847 von rubîn rôt ein halber ar. ein halber Adler darin ausgebreitet.
848 swenn man genam ze rehte war, Wenn man zur Rechten sah,
849 wie sunne an golt ir glenzen nan wie die Sonne sich im Gold widerspiegelte
850 und zobel swarz dar under bran und der schwarze Zobel darunter glühte
851 und wie sîn ar der roete gliz und wie sein [scil. des Schildes oder Reinfrieds] halber Adler
852 gap halp dur wîzes schiltes spiz, rot aus der weißen Schildspitze hervor leuchtete,
853 sô sach man rîche koste grôz. dann sah man eine überaus große Kostbarkeit.
854 ir herze gar an sorgen blôz So ließen sie sorglosen Herzens ihre Pferde
855 sus ûf den hof leisierten. mit verhängtem Zügel an den Hof laufen.
856 die krîger vast grôierten Die Kämpfer riefen laut
857 ûf in, des herze ie schande flôch. zu ihm, dessen Herz immer die Schande floh.
858 Fontânâgrîs der alte zôch Fontanagris der Alte zog
859 gên im entwerhes ûf den rinc. ihm in den Ring entgegen.
860 umb eine tjost der jungelinc Um eine Tjost wurde der Jüngling
861 von im wart dâ gebetten. da von ihm gebeten.
862 sîn herz nie übertretten Sein Herz hatte niemals
863 hât keine stunt der mâze riz. das rechte Maß überschritten.
864 des saz er sunder ruomes gliz Darum saß er ohne den Glanz der Prahlerei
865 hôh ûf der êren sedele. hoch auf dem Sitz der Ehre.
866 sîns helmes tach zwên wedele Seinen Helm bedeckten
867 von phâwen hânt bedecket. zwei Wedel aus Pfauenfedern.
868 in schrankes wîs gestrecket Oben
869 heten sî sich bevangen. verschränkten sie sich.
870 von golde lieht die stangen Die einzelnen Federn der Wedel
871 ûf den wedeln glizzen. glänzten von hellem Gold.
872 ûf eine tjost geflizzen Die beiden mächtigen Fürsten hatten sich
873 sich hatten beide fürsten rîch. für die Tjost herausgeputzt.
874 des wart ein schrîen ,wîchâ wîch! Deshalb wurde geschrien: „Platz da, mach Platz!
875 lâ milte hie gên zühte varn!‘ Lass Freigebigkeit hier gegen Wohlerzogenheit antreten!“
876 ûz Sahsenlant des fürsten arn Der Arm des Fürsten aus Sachsen
877 ein kreftic sper dâ sancte. senkte da eine starke Lanze.
878 Fontânâgrîs dâ sprancte Da sprengte auch Fontanagris
879 gên im ouch ûf dem ringe her. im Ring auf ihn zu.
880 zwei dürriu kurziu vestiu sper Zwei trockene kurze feste Lanzen
881 sach man sî beide füeren. sah man sie beide führen.
882 ob sî diu ors iht rüeren Ob sie die Pferde nicht
883 konden zuo den sîten? in die Seiten stoßen konnten?
884 jâ ir snellez rîten Ja, ihr schnelles Reiten
885 was sam des valken fliegen. war wie der Flug des Falken.
886 diu bein sach man sî biegen Die Beine sah man sie
887 dâ neben zuo den lenken. fest um die Leiber der Tiere schließen.
888 ir sper sî kunden senken Sie wussten ihre Lanzen
889 hin zuo der schilte riemen. hin zu den Riemen der Schilde zu senken.
890 ir dewedere gunde niemen Keiner gönnte da dem anderen,
891 für sich dô prîs erringen. Ruhm für sich zu erringen.
892 man sach diu ors erspringen Man sah die Pferde wie
893 sam in dem walde hirzetier. das Wild im Wald umher springen.
894 mit starken kreften man sî schier Mit großen Kräften sah man sie schnell
895 har ûf den orsen trîben sach, auf den Pferden umherhetzen,
896 und daz ietweders schaft zerbrach: und dass der Schaft eines jeden zerbrach:
897 mê dan in tûsent stücken In mehr als tausend Stücken
898 sach man die sprîzen flücken sah man die Lanzensplitter
899 hôh ûf in den lüften. hoch in die Lüfte aufstieben.
900 ein ritterlîchez güften Von dem Klang erhob sich
901 huop sich von dem duzze. ein ritterliches Freudengeschrei.
902 reht als der dunre schuzze, Genauso wie Donnergrollen
903 sô wart ein schal und ouch ein krach. erhoben sich Schall und Lärm.
904 ietweders schilt dâ nider brach Da zerbarst eines jeden Schild
905 und wurden ouch der helme bar. und sie verloren auch ihre Helme.
906 alsus sî von dem stiche gar So wurden beide
907 wurden beide entrümmert. von dem Stoß völlig erschüttert.
908 ir lîp sî vast bekümmert Ihr Leib ließ sie sich
909 umb êre und ritterlîche tât, um Ehre und ritterliche Tat sorgen,
910 daz fürsten wol ze lobe stât. um Ehre und Ritterliche Tat sorgen.
911 Sus pînten sî sich beide. So rackerten sie sich beide ab.
912 nu kan dort ûf der heide Nun kam dort auf der Heide Palarei,
913 Palarei, künc von Engellant, der König von England,
914 den hôhiu wirde ûz gesant den hohe Würde ausgesandt
915 hât umb êre und werdez lop. hatte um Ehre und ehrlichen Ruhm.
916 ein rîche banier swepte op Ein prächtiges Banner schwebte über
917 im, des herze ie schande meit. ihm, dessen Herz sich immer von Schande fernhielt.
918 umb zuht êr unde miltekeit Anstand, Ehre und Freigebigkeit gering zu achten,
919 dorft in niemen strâfen. brauchte ihm niemand nachzusagen.
920 er hât ûf sîne wâfen Er hatte auf seine Ausrüstung
921 nâ küneclîcher kost gezilt. königliche Kostbarkeit verwandt.
922 ûz Arâbîe was sîn schilt Sein Schild war aus glänzendem Gold
923 von glanzem golde, als ich ez las. aus Arabien, wie ich las.
924 ob daz gebirge in Caukasas Wenn das Gebirge im Kaukasus
925 hete gedienet sîner hant, unter seiner Herrschaft gewesen wäre,
926 er moht niht rîcher sîn bekant. hätte er nicht reicher sein können.
927 als uns diu âventiure seit, Wie uns die Aventiure berichtet,
928 von rubîn lâgen drîn gespreit lagen darin [scil. im Schild] quer
929 entwerhes drî lêparten. ausgebreitet drei Leoparden.
930 man sol dem herren zarten, Man soll diesem Herrn wohl gesonnen sein,
931 der alsus keiserlichen vert der so fürstlich daher kommt
932 und lîp und guot nâch êren zert. und Leib und Gut um der Ehre willen aufs Spiel setzt.
933 Er kan ze velde schiere. Er kam eilig auf das Feld.
934 under sînr baniere Unter seinem Banner
935 fuort er hundert ritter dar, führte er dorthin hundert Ritter,
936 die sîner krône nâmen war: die zu seiner Herrschaft gehörten:
937 des was sîn sorge gar enzwei. Darum hatte er keine Sorge.
938 der junge künic Palarei, Der junge König Palarei,
939 an schanden gar der træge der ohne Schande lebte
940 (er was ze Norwæge (er war in Norwegen
941 gewaltic künic unde vogt), ein mächtiger König und Landesherr),
942 kam ûf die heide ouch gezogt kam auch mit dem Lärm
943 mit krache manges schalles. manch kräftigen Tones auf die Heide gezogen.
944 sîn kunft diu maht daz allez Seine Ankunft bewirkte, dass alles,
945 daz dâ was in ein ander dôz. was da war, durcheinander tönte.
946 sîn schar was kreftic unde grôz Groß und stark war seine Schar,
947 die er enthielt von helden zier, die er mit Helden zierte,
948 wan under sîner banier denn unter seinem Banner
949 hât er ouch ûz gesundert hatte er hundert
950 sô fromer ritter hundert so tadellose Ritter gesammelt,
951 daz ir genôze nie gesehen dass ihnen an Würde niemand
952 an wirde wart, sô hoer ich jehen. gleichkam, wie ich sagen höre.
953 Sî fuorten sîniu zeichen, Sie trugen die Zeichen desjenigen,
954 des herze nie erweichen dessen Herz durch keine Furcht
955 moht von keinen vorhten. schwach werden konnte.
956 ei waz sî wunders worhten Ei, was für Wunder sie
957 in stürmen und in strîten! in Stürmen und Kämpfen wirkten!
958 sî kâmen zuo den zîten Sie kamen jetzt
959 mit im, des herze ie schande flôch. mit ihm, dessen Herz stets Schande mied.
960 ein kreftic ors stüef unde hôch Es war ein starkes Pferd, wacker und
961 was, dar ûf der fürste saz; groß, auf dem der Fürst saß;
962 sîn wâpenkleit, als ich ez las, seine Rüstung war, wie ich las,
963 von kostelîcher stiure. von hohem Wert.
964 sô rîche kovertiure So prächtige kovertiure
965 wæn ich sî selten mê gesehen. sieht man, glaube ich, selten.
966 von liehtem rubîn schôn durbrehen Man sah seine Rüstung
967 alsus sîn wâpenkleit man sach, von leuchtendem Rubin durchzogen,
968 und was ûf des schiltes tach und in die Schildbespannung
969 geworht ein meisterlîchez schif war ein meisterhaftes Schiff
970 von fînem golde, und was sîn grif aus feinem Gold eingearbeitet und in seiner
971 des schilt entwerhes überlegen. Breite über den Schild erhaben.
972 ein ort des schiffes sach man phlegen Am einen Ende des Schiffs sah man
973 ein ruoder klein daz dar an hienc. ein kleines Ruder, das daran hing.
974 von dem andern orte gienc Am anderen Ende war
975 ein boun der den schilt hât verdaht. ein Mast auf dem Schild befestigt.
976 dar an ein segel was gestraht Daran war ein Segel aus
977 von kleinen wîz mergriezen, kleinen weißen Perlen aufgezogen,
978 und kund der unden sliezen das sich unten
979 sich wider zuo der stangen. wieder mit dem Mast traf.
980 ich wæn daz er enphangen Ich glaube, dass er [scil. Palarei] da
981 dâ würd mit mangem gruoze. mit manchem Gruß empfangen wurde.
982 vil lieplîcher unmuoze Viel liebe Unruhe
983 schuof er in wîbes ougen brachte er da in die Augen der Frauen,
984 diu in erblihten tougen. die ihn verstohlen ansahen.
985 Alsus kam er mit grôzer maht. So kam er mit großer Stärke.
986 sich huop dô manic lûter braht, Da erhob sich ohrenbetäubender Lärm
987 von phîfen dôz und scheften krach. vom Schall der Pfeifen und Krachen der Lanzenschäfte.
988 man sach daz dirre jenen stach: Man sah, dass dieser jenen stach:
989 sô viel dort einr von jenem nider. So fiel dort einer, von jenem getroffen, nieder.
990 sich pînten manges ritters lider Vieler Ritter Glieder
991 ûf der âventiure trôst. quälten sich um den Preis der Aventiure.
992 von riemen manic schilt erlôst Viele Schilde wurden
993 wart von starken scheften, durch starke Lanzenschäfte,
994 die sî mit hôhen kreften die sie mit großer Kraft zu Pferd
995 ze orse ûf ein ander triben. gegeneinander trieben, von ihren Riemen erlöst.
996 dâ was niemen ruowic bliben: Da blieb keiner säumig:
997 man hôrte schrîgen ,wîchâ wîch! Man hörte schreien: „Aus dem Weg!
998 von Brûneswic der fürste rîch Der mächtige Fürst von Braunschweig
999 kunt aber hie mit frîger ger. kommt wieder mit ungezügeltem Verlangen hierher.
1000 sîn hant diu hât wol zwênzic sper Seine Hand hat gut zwanzig Lanzen
1001 mit der tjost verswendet.‘ bei der Tjost zerbrochen.“
1002 nu was aldar gesendet Nun war ein stolzer Ritter
1003 ein stolzer ritter ûzerkorn. ausgewählt und dorthin geschickt worden.
1004 von Parmenîe geborn Sein kühner starker Leib war
1005 was sîn frecher starker lîp aus Parmenien gebürtig
1006 und mohte sunder vorhtes kîp und konnte, von keiner Angst gehindert,
1007 wol üeben ritterlîch getât. sehr gut ritterliche Taten vollbringen.
1008 dâ von er sich bekleidet hât Darum hatte er sich in Lasurblau,
1009 in stæte varwe lâsûrblâ. die Farbe der Beständigkeit, gekleidet.
1010 ein grôzez ros, was apfelgrâ, Sein großes Pferd, ein Apfelschimmel,
1011 daz lief in sprungen sam ein tier, sprang umher wie ein Reh.
1012 dar ûf der werde ritter zier Auf ihm saß die Zier edler Ritter
1013 saz alsam ein vestiu want. wie angegossen.
1014 ich wæne daz in dar gesant Ich glaube, dass seine Geliebte
1015 hette sîn âmîe. ihn dorthin geschickt hatte.
1016 mit manger lûten krîe Mit manch lautem Ruf
1017 wart lobelîch gewüefet wurde ruhmreich angekündigt
1018 und über lût gerüefet, und überlaut ausgerufen,
1019 dâ wær ein fromer ritter komen. da wäre ein vortrefflicher Ritter gekommen.
1020 schiere wart diz mær vernomen Schnell verbreitete sich die Kunde,
1021 dâ manger gên im drapte. da mancher ihm entgegen trabte.
1022 von Brûneswîc der hapte Der von Braunschweig ritt
1023 gên im ûf der plânîe. ihm auf der Ebene entgegen.
1024 und als der wandels frîe Und als der Makellose
1025 ûf in gehôrt daz kapfen, das Lobgeschrei auf ihn hörte,
1026 man sach in drâte stapfen sah man ihn dem anderen entgegeneilen,
1027 gên im ûf ein tjoste. um eine Tjost gegen ihn zu reiten.
1028 ez lac sô rîchiu koste Er trug solche Reichtümer
1029 an im daz ez was wunder. an sich, dass es ein Wunder war.
1030 sîn sper daz sluog er under Er hakte die Lanze ein
1031 und tet im selben rûmeiz. und verschaffte sich Raum.
1032 ûf einen langen puneiz Man sah ihn sein Pferd so führen,
1033 sach man in sîn ors ziehen. dass er langen Anlauf nehmen konnte.
1034 nu wolt ouch genre fliehen Nun wollte auch der andere ungern
1035 niht, dô er in komen sach. fliehen, als er ihn kommen sah.
1036 für sich er druht des schiltes tach Er hielt den Schild vor sich
1037 und sprancten gên ein ander her. und die beiden sprengten aufeinander zu.
1038 mit frîger tât ietweders sper Ungehindert neigte
1039 sî gên ein ander neigten. ein jeder die Lanze gegen den anderen.
1040 ir hôhe kraft si zeigten Sie bewiesen ihre große Kraft
1041 und ouch ir ritterlîche kunst. und auch ihr ritterliches Können.
1042 vor in sô gie ein starker tunst, Vor ihnen erhob sich eine dichte Staubwolke,
1043 dô sî sus kâmen gedræget. als sie so aufeinander zustürmten.
1044 reht als diu ors gewæget Genauso wie die Pferde
1045 an loufen kæmen dur den luft, beim Laufen durch die Luft wirbelten,
1046 sus fuoren sî nâ muotes guft so ritten sie voll Übermut
1047 und ouch mit grôzer krefte und auch mit großer Kraft
1048 und stâchen daz die schefte und stachen, dass die Lanzenschäfte
1049 in kleine sprîzen hôhe flugen in kleinen Splittern hochflogen
1050 und daz diu ors sich beide bugen und die Pferde hinten einknickten
1051 hinden von dem stiche. von dem Stoß.
1052 ob aber keinre entwiche Ob dabei auch keiner
1053 dem satel hie dur rûmen? jâ, den Sattel räumen musste? Ja doch,
1054 der frouwen ritter der lac dâ der Ritter der Dame; der lag da sehr wohl
1055 von dem orse wol hin dan vom Pferde hinunter
1056 und was gevallen ûf den plân. und auf die Wiese gefallen.
1057 Als daz der Schotten künic sach, Als das Parlus, der König von Schottland
1058 Parlus, dur mange rotte er brach sah, drängte er sich durch die Scharen
1059 her gên dem von Brûneswîc. dem von Braunschweig entgegen.
1060 ob sîn muot iht hôhe stîc Ob seine [scil. Reinfrieds] Stimmung sich da
1061 an fröuden ûf? jâ, herre, jâ. nicht freudig hob? Ja, Herr, ja.
1062 als er gesach Parlûsen dâ Als er Parlus da vor sich
1063 vor im ûf des ringes kreiz, im Ring erblickte,
1064 gên eim starken puneiz rüstete er sich abermals
1065 er sich aber ruste. für einen kraftvollen Stoß gegen ihn.
1066 den schilt er zuo der bruste Er zog den Schild
1067 gar ritterlîche druhte. gar ritterlich an die Brust heran.
1068 den lîp er samfte ruhte Den Körper bewegte er, sich
1069 hin und her gên der tjost. geschmeidig wiegend, auf die Tjost zu.
1070 sîn herze sunder meiles rost Sein von Schande unbeflecktes Herz
1071 in hôhen fröuden swepte. wurde ihm vor Freude leicht.
1072 in dûht daz iemen lepte Ihn dünkte, dass niemand lebte,
1073 an hôher wunne sîn genôz. der so glückselig war wie er.
1074 ein vestez sper unmâzen grôz Er bat, ihm schnell eine feste,
1075 bat er im balde reichen. besonders große Lanze zu reichen.
1076 der âne lobes smeichen Der ohne lobende Schmeicheleien
1077 ie hôchgelopter êren wielt, immer hoch gelobte Ehre verkörperte,
1078 er sach Parlûsen wie er hielt der sah Parlus, wie er auf ihn zu
1079 gên im und hiez wîchen. hielt und aus dem Weg zu gehen befahl.
1080 ob sî zesamen strîchen Ob sie die Pferde hier
1081 diu ors hie liezen? jâ sî, jâ; einander berühren ließen? Ja, sie taten es, ja;
1082 die krîger liefen ûf ir slâ die Kämpfer liefen auf ihrer Spur
1083 mit manger lûten krîge. mit manch lautem Kriegsruf.
1084 hie was der schanden frîge Hier war der Schandenfreie
1085 kon an den êren stæten. an den in Sachen Ehre Beständigen geraten.
1086 diu ors zesamen dræten Die Pferde wirbelte aufeinander zu,
1087 reht als ob sî beide flugen. als ob sie beide flögen.
1088 ûf eine rîche tjost sî zugen Sie zielten beide auf eine herrliche Tjost,
1089 mit der sî beid vertâten bei der sie beide ihre Lanzen
1090 diu sper, dazs hôhe wâten verstachen, dass das hohe wâten
1091 in den lüften klein zerschivert in der Luft in kleine Splitter zerbarst
1092 und man die trunzen gar zerrivert und man die Lanzenstücke zersplittert
1093 sach ob den helmen fliegen. über die Helme fliegen sah.
1094 von dem stiche biegen Von dem Stich musste sich
1095 des künges rugge muoste. der Rücken des Königs krümmen.
1096 ich wæne daz in gruoste Ich glaube, dass ihm heimlich
1097 tougen manges herzen sin. manches Herz zuflog.
1098 alsus der herzog kêrte hin So machte der Herzog [scil. Reinfried]
1099 aber von rinc ze ringe. abermals auf dem Kampfplatz kehrt.
1100 wer in hie zuo twinge? Wer ihn dazu zwang?
1101 daz tuot ein unsihtigiu nôt. Das tut eine unsichtbare Kraft.
1102 lîp unde herze er beide bôt Körper und Herz bot er beide
1103 dar dâ er was unbekant. dort feil, wo er fremd war.
1104 ei süeziu minne, dîniu bant Ei, süße Liebe, deine Fesseln
1105 bindent sunder heften. binden, ohne zu berühren.
1106 swâ du mit dînen kreften Wo auch immer du dich mit deinen Kräften
1107 wilt gewalteclichen ligen, gewaltig niederlässt,
1108 dâ mag und kan dîn maht gesigen da kann und wird deine Macht
1109 gar ân allez dunken. ohne jeden Zweifel siegen.
1110 swâ dîner gneisten funken Wo auch immer deine Funken
1111 gedenke in herze enzündent, liebendes Gedenken in einem Herz entfachen,
1112 ich weiz daz sî durgründent weiß ich, dass sie mit Verlangen
1113 mit luste alle sinne. alle Wahrnehmung durchziehen.
1114 swâ sin nâ hôher minne Wo auch immer der Verstand
1115 ist mit luste girdic, mit Verlangen nach hoher Minne strebt –
1116 ist dâ daz herze wirdic wenn da das Herz
1117 sô lobelîcher minne, so ehrbarer Liebe wert ist,
1118 diu minne tuot dem sinne tut diese Liebe dem Verstand
1119 mit gedenken dicke wol. mit liebendem Gedenken oft gut.
1120 swie daz sîn herze leides vol Obwohl sein Herz oft
1121 sî dicke nâ dem luste, vor körperlichem Verlangen des Leides voll ist,
1122 sô lît doch in der bruste so liegt doch in der Brust
1123 diu fröude hôhes gingen. die Freude hoher geistiger Begierde.
1124 mit sus getânen dingen An solchen Dingen
1125 fröut sich ein herze mange stunt erfreut sich das Herz gar manche Stunde,
1126 daz im ze handen selten kunt. was ihm doch selten zuteil wird.
1127 Diz ist der minne senken. Das ist die vernichtende Kraft der Liebe.
1128 ez mac mit gedenken Ein Herz kann sich mit liebendem
1129 ein herz sich dar zuo twingen, Gedenken dorthin zwingen,
1130 dâ von ez kûme bringen wovon es kaum jemand anderer
1131 mag iemen sunder sterben. als der Tod abbringen kann.
1132 swâ nâch der lîp wil werben, Wonach der Körper auch strebt –
1133 ist ouch dem herzen dar zuo gâch, zieht es auch das Herz dorthin,
1134 er wirbet deste baz darnâch. strebt er umso stärker danach.
1135 Sus was ouch disem fürsten. So erging es auch diesem Fürsten.
1136 sîn frîgez herze er türsten Sein freimütiges Herz ließ er
1137 liez nach hôher minne. nach hoher Minne dürsten.
1138 er hâte sîne sinne Er hatte seine Sinne
1139 mit den gedenken dar zuo brâht, mit stetem Denken dazu gebracht,
1140 daz sî alle zît verdâht dass sie immer auf die eine
1141 wâren an die einen, konzentriert waren,
1142 die hôchgelopten reinen, die hoch gelobte Reine,
1143 die kiuschen wol getânen, die keusche schön Gestalte,
1144 die minneclîch Yrkânen, die liebliche Yrkane,
1145 der schoen für alle schoene wac. deren Schönheit alle anderen übertraf.
1146 diu trûtschaft im ze herzen lac Die Angebetete lag ihm so
1147 sô vesteclîche ûf den grunt, fest auf dem Grund des Herzens verankert,
1148 daz ir bilde alle stunt dass ihr Bild allezeit
1149 was vor sîns herzen angesiht, vor seines Herzens Angesicht war.
1150 ê er mit sîner ougen phliht Bevor er die Liebliche mit
1151 die minneclichen hât gesehen. eigenen Augen gesehen hatte,
1152 des muos sîn herze ir schoene jehen. musste ihm deshalb sein Herz von ihrer Schönheit erzählen.
1153 offenlîch und tougen Öffentlich und geheim
1154 was daz ob sînen ougen war, dass ihre Schönheit sich
1155 ir schoene was verwildet. vor seinen Augen noch verborgen hielt.
1156 sîn herz daz hât gebildet Sein Herz, das hatte sie
1157 sî nâch sîner girde, nach seinem Wunsch gestaltet;
1158 und was ir hôhiu wirde und ihre hohe Würde
1159 alsus in sînem sinne, war dergestalt in seinem Denken,
1160 daz in betwang ir minne, dass ihn ihre Liebe bezwang,
1161 ê sî sîn ouge ie gesach. bevor sein Auge sie erblickt hatte.
1162 hie nâch dô aber daz geschach Als es aber hernach geschah,
1163 daz diu ougen sâhen dass die Augen sahen,
1164 dar dâ daz herze gâhen wohin das Herz mit den Gedanken
1165 hin kunde mit dem sinne, zu eilen wusste,
1166 dô kan diu süeziu minne da kam die süße Liebe
1167 und strihte ouge und herz inein, und führte Auge und Herz zusammen,
1168 alsô daz under disen zwein sodass diese beiden
1169 niht was wan ein einic lust. dasselbe begehrten.
1170 den truog er under sîner brust Das trug er verborgen
1171 verborgenlichen stille. still in seiner Brust.
1172 sus fuor sîn frîger wille So erhob sich sein freier Wille
1173 hôch mit den gedenken. mit den Gedanken.
1174 man sach in aber senken Man sah ihn abermals harte Lanzen
1175 vestiu sper und stechen. senken und verstechen.
1176 grôze schefte brechen Große Lanzenschäfte zu brechen,
1177 was man an im wol genant. war man von ihm gewohnt.
1178 des landes vogt ûz Engellant, Der Landesherr aus England,
1179 der junge künic Flôrîs, der junge König Floris,
1180 bejagt ouch ritterlichen prîs erjagte mit seinem Gefolge
1181 mit sîner massenîe. auch ritterlichen Ruhm.
1182 der kiusche wandels frîe Der keusche Makellose
1183 vertet mit frîges herzen ger verstach mit dem Begehren seines freimütigen Herzens
1184 manic starkez vestez sper manch starke feste Lanze
1185 und warp nâ hôhen êren. und strebte nach hohen Ehren.
1186 mit hôher koste kêren Mit hohem Einsatz wiederkehren
1187 sach man den schanden trægen, sah man den Schandelosen.
1188 ich mein von Norwægen Ich meine den König
1189 den künic mit den barken. von Norwegen mit den Barken.
1190 in allen Tenemarken In ganz Dänemark
1191 was niht sô rîcher koste. gab es keine solchen Reichtümer.
1192 des schilt in roete gloste Sein Schild leuchtete rot
1193 von rubîn rôt alsam ein gluot. wie Glut von rotem Rubin.
1194 er und sîn massenîe guot Er und sein edles Gefolge
1195 ouch worhten ritterlîche tât. vollbrachten auch ritterliche Taten.
1196 der bûhurt sich gezogen hât Der Buhurt hatte sich
1197 vast unz ûf des âbents zît. bis zum Abend gezogen.
1198 man hiez besenden sunder nît Ohne Hintergedanken befahl man,
1199 die fürsten von den landen die Fürsten der Länder zu holen,
1200 die ritterschaft erkanden, denen ritterliche Kultur bekannt war,
1201 wan man die âventiure da man die Aventiure
1202 mit lobelîcher stiure auf ehrbare und würdige
1203 wirdeclichen solte geben. Weise übergeben sollte.
1204 sîn herze in hôher wunne sweben Das Herz desjenigen kann in hoher Wonne
1205 mac, swem diu sælde ist beschert schweben, dem das Glück beschert ist,
1206 daz daz heil im widervert dass ihm das Heil
1207 von der grôzen êre. durch große Ehre widerfährt.
1208 sîn lîp ist iemer mêre Er wird davon
1209 dâ von getiuret alliu zil. immer aufgewertet.
1210 nu was dâ hôher herren vil Nun waren da viele hohe Herren,
1211 die bî ir triuwe erkanten die bei ihrer Treue anerkannten
1212 und al dar an genanten und alle einhellig und
1213 einhelleclichen sunder haz, neidlos verkündeten,
1214 daz niemen het verdienet baz dass niemand die Aventiure,
1215 mit sper und ritterlîcher tât die da des Königs Tochter ausgerufen hatte,
1216 die âventiure, die dô hât besser mit Lanze und ritterlicher Tat
1217 des künges tohter ûz gesant, gemeistert hätte,
1218 denn der fürste ûz Sahsen lant als der Fürst von Sachsen, Reinfried,
1219 Reinfrit, des herze ie schande meit. dessen Herz sich allzeit von jeglicher Schande fernhielt.
1220 nu sach er wie dort gên im reit Nun sah er, wie ihm dort diejenige entgegen ritt,
1221 diu der sîn herz ie frouwe jach, die sein Herz seit jeher »Herrin« nannte,
1222 die sîn gedanc und ouge sach, die sein Denken und sein Auge sah,
1223 diu in vast ân ir wizzen bant. die ihn fest, doch ohne ihr Wissen band.
1224 ein turteltûben ûf der hant Eine Turteltaube brachte
1225 brâhte diu gehiure. die Schöne auf der Hand.
1226 diz was diu âventiure, Das war die Aventiure,
1227 als ir dâ vor wol hânt vernomen. wie ihr davor wohl vernommen habt.
1228 man hiez daz sî dem fürsten fromen Man befahl, dass sie dem frommen Fürsten
1229 solt die âventiure geben, die Aventiure übergebe,
1230 sît daz sîn lîp und ouch sîn leben da sein Leib und auch sein Leben
1231 sich an êren nie versneit. sich nie von Ehre entfernt hatten.
1232 im hiez diu minneclîche meit Das liebe Mädchen befahl ihm,
1233 den heln selbe binden dan. selbst den Helm abzubinden.
1234 ir lieplîch smieren sach in an Sie lächelte ihn lieb an
1235 und sprach ,fromer fürste wert, und sagte: „Frommer werter Fürst,
1236 dîn lîp der hôher êren gert, dein Leib, der hohe Ehren begehrt,
1237 hât grôzen lop errungen, hat großes Lob errungen,
1238 sît daz dir ist gelungen weil du dich hier
1239 hie an ritterschefte. im ritterlichen Kampf bewiesen hast.
1240 wol der starken krefte Heil der starken Kraft,
1241 diu sô manlîch ellent hât, die so männlichen Mut hat,
1242 daz sî sô wirdenclichen gât dass sie so würdevoll
1243 nâ hôher êren stiure. zum Ziel hoher Ehren strebt.
1244 sich, diu âventiure Sieh, die Aventiure
1245 ist dir ze gebende bereit. ist bereit, sich dir zu schenken.
1246 des sol dîn êre werden breit Dadurch soll deine Ehre berühmt werden
1247 für alle die har komen sint.‘ vor allen, die hierher gekommen sind.“
1248 alsus daz minneclîche kint So wusste das liebliche Kind
1249 dem fürsten kunde zarten. dem Fürsten zu schmeicheln.
1250 er lie sîn ougen warten Er ließ seine Augen auch
1251 ouch an daz grôze wunder, das große Wunder anstaunen,
1252 daz im wê tet under das ihm in der Brust
1253 sîner bruste und dâ bî wol. zugleich wohl und wehtat.
1254 sîn herze wart sô fröuden vol Sein Herz war so von Freude erfüllt,
1255 daz im sorge gar entweich. dass ihn jegliche Sorge floh.
1256 ir angesiht diu tet in bleich Ihr Gesicht ließ ihn
1257 von rehter fröuden schrecken. vor ehrlicher Freude erbleichen.
1258 diu fröude in herzen stecken Die Freude verursachte
1259 tet jâmer nâ dem luste. in seinem Herzen schmerzliches Verlangen.
1260 daz herz mit manigem juste Das Herz erhob sich mit manchem Stoß
1261 fuor über sich alsam ez flüge. über sich selbst, als ob es flöge.
1262 ich wæne ir schoene ez an sich züge Ich glaube, ihre Schönheit zog es stärker
1263 vaster denn der agestein an sich, als es der Magnet
1264 daz îsen tuot: ir schoene schein mit dem Eisen tut: Ihre Schönheit strahlte
1265 im dur sîns vesten herzen grunt. bis auf den Grund seines standhaften Herzens.
1266 er was sô süezer wunden wunt, Er litt an so süßen Wunden,
1267 swenn in ir süezer smerze lie, dass er sich danach zurücksehnte
1268 daz er ein trûren denne enphie wenn ihr süßer Schmerz ihn verließ,
1269 und wart jæmerlîche var. und ganz bleich wurde.
1270 und sô sîn sendez herze dar Und wenn es sein sehnsuchtsvolles Herz
1271 in jâmer mit gedenken swanc, in schmerzlichem Gedenken dorthin zog,
1272 sô wart daz trûren daz în twanc so wurde der Schmerz, der ihn gefangen hielt,
1273 dest ringer und dest kleinre. umso weniger und umso kleiner.
1274 minne twanc ist reinre Die Gewalt der Liebe ist reiner
1275 denn ihts iht, des ich wæne. als alles andere, vermute ich.
1276 ir art ist seltsæne, Ihr Wesen ist einzigartig,
1277 sît ir wê gît hôhen muot. da ihr Weh die Stimmung hebt.
1278 sô sî dem man ie wirser tuot, Überfällt sie einen Mann besonders schlimm,
1279 sô liebet sî im aller meist. liebt sie ihn am allermeisten.
1280 diz hât mit ganzer volleist Das hat in ganzer Vollendung
1281 der fürste wol enphunden. der Fürst sehr wohl empfunden.
1282 der süezen minne wunden Die süßen Schmerzen der Liebe
1283 hâten in bevangen. hielten ihn gefangen.
1284 ir senfter blic durgangen Ihr sanfter Blick hatte
1285 hât gar sînes herzen sin: den Verstand seines Herzens durchdrungen:
1286 des was sîn trûren gar dâ hin. Deswegen war seine Trauer verschwunden.
1287 Sus twang in in dem sinne So bezwang ihn in seinem Verstand
1288 diu süeze strenge minne die süße strenge Liebe
1289 und lie sî lidic unde frî. und er ließ sie ledig und frei.
1290 diu küneginne hielte bî Die Königin weilte bei
1291 im, dem sî in herzen lac. ihm, der sie im Herzen trug.
1292 sîn herze mit gedenken pflac Sein Herz war in liebendem Gedenken
1293 sô minneclîche schône, so um Liebe bemüht
1294 und gap sî im ze lône und sie gab ihm nichts als
1295 niht wan süezez ungemach. süßes Ungemach als Lohn.
1296 sus huop der fürste unde sprach: So hob der Fürst an und sprach:
1297 ,Ei werdiu küneclîchiu fruht, „Ei, werter königlicher Spross,
1298 ir hânt an mir sô grôze zuht Ihr habt mir so viel Liebenswürdigkeit
1299 begangen daz ir ist ze vil. erwiesen, dass es zu viel ist.
1300 het ich der âventiure zil Habe ich das Ziel der Aventiure
1301 errungen, des enweiz ich niht. errungen, so weiß ich nichts davon.
1302 sît daz man hôhe krône siht Weil man nämlich gekrönte Häupter
1303 hie werben nâ dem prîse, hier nach Ruhm streben sieht,
1304 sol mit des lobes rîse weiß ich, dass es für mich
1305 mîn lîp gezieret schînen, viel zu viel der Ehre ist,
1306 sô weiz ich daz ez mînen sollte mein Leib mit dem Ruhmeszweig
1307 êren ist mê denn ze vil.‘ geschmückt erscheinen.“
1308 sî sprach ,ich heizez unde wil, Sie sprach: „Ich befehle und will es,
1309 daz ir sî enphâhent. dass Ihr sie [scil. die Taube] empfangt.
1310 wan ob ir ez versmâhent, Denn wenn Ihr sie verschmäht,
1311 ir sint niht guotes gruozes wert. seid Ihr rechten Gruß nicht wert.
1312 morne solt ir mit dem swert Morgen sollt Ihr auch
1313 diu lider ouch erswingen. mit dem Schwert antreten.
1314 mügt ir den prîs erringen, Könnt Ihr den Preis erringen,
1315 iuch wirt daz golt und ouch mîn kus.‘ werden das Gold und auch ein Kuss von mir Euch gehören.“
1316 diu wort dur sînes ôren duz Die Worte drangen ihm
1317 reht als ein mezzer hiuwen. gerade so wie Messer in die Ohren.
1318 sî stôrten senden riuwen Sie störten den sehnsuchtsvollen Schmerz
1319 und brâhten lustic girde. und brachten verlangende Begierde.
1320 ir hôherborne wirde Ihre hochwohlgeborene Würde
1321 im tougen in sîn herze seic. senkte sich ihm heimlich ins Herz.
1322 lîp und gedanc mit sinnen neic Körper und Gedanke neigten sich mit den Sinnen
1323 der kiuschen wandels kranken. hin zur keuschen Makellosen.
1324 ,ich mac noch kan voldanken‘, Er sagte: „Ich kann Euch nicht einmal
1325 sprach er, ,iuch halp der êre niht für die Hälfte der Ehre, die mir
1326 diu unverdienet mir beschiht.‘ unverdient zukommt, ausreichend danken.“
1327 Sus bôt sî im die tûben dar. So streckte sie ihm die Taube hin.
1328 nu kam gerennet manic schar Nun eilten viele heran
1329 dur hoeren und dur schouwen. um zu hören und zu sehen.
1330 mit allen iren frouwen Mit allen ihren Hofdamen
1331 diu küngîn mit im zogte. ging die Königin mit ihm.
1332 ich wæn daz es dem vogte Ich glaube, dass es dem Herrn
1333 von Rôm gewesen wær ze vil. von Rom zu viel gewesen wäre.
1334 alsus hât sich der ritter spil Ob da jemandem seine Freude
1335 den tac rîlîch volendet. durch Neid geschmälert wurde?
1336 ob iemen dâ gephendet Ob da jemand in seiner Freude
1337 an fröuden würde dur den nît? durch den Neid gestört wurde?
1338 nein, sîn lop sô hôhe lît Nein, sein Lob war so erhaben
1339 und was sô wît erklungen, und so weithin erklungen,
1340 daz im gemeine zungen dass ihm alle
1341 für ander lobes jâhen. vor den anderen Lob zusprachen.
1342 man sach dar balde gâhen Man sah die gernden alle in gleicher Weise
1343 die gernden al gelîche. gar schnell eilen.
1344 mit manger krîge rîche Mit manch lautem Ruf
1345 hôrte man in grüezen. hörte man ihn grüßen.
1346 daz lop begunde süezen Das Lob klang auch
1347 ouch in der frouwen ôre. in den Ohren der Damen süß.
1348 ûz seiten noch ûz rôre Weder von Saiten- noch von Blasinstrumenten
1349 wart nie sô senftez doenen, kam jemals so lieblicher Klang,
1350 als dâ man einen kroenen wie man da einen mit Worten
1351 mit worten lobelichen kan. lobend zu krönen wusste.
1352 sî reit im bî und sach in an Sie [scil. Yrkane] ritt neben ihm und sah ihn an,
1353 biz daz sî gedahte bis sie bei sich dachte:
1354 ,disen helt den brâhte „Diesen Helden, den führte
1355 sîn ellent har dur ritterschaft. seine Tapferkeit zur ritterlichen Bewährung hierher.
1356 ei got wie hât sîn manlîch kraft Ach Gott, wie hat seine männliche Kraft
1357 sô ritterlîch gehurtet. so ritterlich gekämpft.
1358 sîn adel hôhgeburtet Sein angeborener hoher Adel
1359 in lobelichen zieret. ziert ihn rühmlich.
1360 sîn lîp sô gar gefieret Sein Leib erstrahlt so schön
1361 in hôher wirde schînet. geschmückt in großer Würde.
1362 hât er sich hie gepînet Hat er sich hier im Dienst
1363 in dienest keiner frouwen, einer Dame gequält,
1364 der herze mac betouwen kann deren Herz gut
1365 wol mit hôher wünne. mit hoher Würde behaftet werden.
1366 er hât sô hôhez künne, Er ist von so hoher Abstammung,
1367 sô rîche lant, sô manlîch kraft, besitzt so reiche Länder, so männliche Kraft,
1368 sô starken lîp ze ritterschaft, einen so starken Körper für ritterliche Bewährung,
1369 daz er ist hôhes gruozes wert. dass er hoher Anerkennung wert ist.
1370 ob er eht gruoz von wîben gert? Ob er nach der Anerkennung der Damen strebt?
1371 jâ er, jâ: war hât mîn sin Ja, wahrhaftig, ja: Wohin hat mein Verstand
1372 mich selben brâht? wâ was ich hin? mich gebracht? Wo dachte ich hin?
1373 solt er niht wîbe gruozes gern? Sollte er etwa nicht nach der Anerkennung der Damen streben?
1374 ich wæne daz sîn herze wern Ich glaube, dass sein Herz sehr wohl
1375 künne hôhen dienest wol Damen, denen er dienen soll
1376 frouwen den er dienen sol und denen sein Herz ergeben ist,
1377 und den sîn herze dienest treit. hohen Dienst leisten könnte.
1378 ich weiz sîn niht, iedoch sô seit Ich kenne ihn nicht, doch sagt
1379 mir mîn sin ez sî alsus. mir mein Verstand, dass es so ist.
1380 wolte got solt im der kus Wollte Gott, würde er
1381 morne von mir werden. morgen den Kuss von mir bekommen.
1382 ich wæn ûf aller erden Ich glaube, auf der ganzen Erde
1383 man iender ritter funde fände man keinen Ritter,
1384 dem ich sîn lieber gunde dem ich ihn lieber gönnte
1385 denn im der mit rîlîcher tât als ihm, der mit herrlicher Tat
1386 sô hôhez lop erworben hât.‘ so großes Lob erworben hat.“
1387 Sus was ir in gedenken. So dachte sie bei sich.
1388 ir herz sich wolte senken Ihr Herz wollte sich ebenfalls
1389 ouch nâ minne girde. dem Verlangen der Liebe anheim geben.
1390 sus reit mit hôher wirde So ritt mit großer Würde
1391 des wunsches kint, ein wünschelî das Wunschkind, das Wünschelein.
1392 ob ir gedenke sîen frî? Ob ihre Gedanken frei waren?
1393 nein sî, nein, sî vâhten Nein, sie waren es nicht, sie fochten
1394 mit süezer nôt und flâhten mit süßer Not und verflochten
1395 sich vast in minne stricke. sich fest in die Fallstricke der Liebe.
1396 dâ zuo ir senden blicke Dazu schossen ihre sehnsuchtsvollen Blicke
1397 ûz ouge in ougen schuzzen. aus ihrem Auge in die Augen des anderen.
1398 dur herzen grunt sî guzzen Auf den Grund des Herzens
1399 minneclîche swære. gossen sie die Last der Liebe.
1400 wie der zarten wære, Die Liebliche wusste nicht,
1401 des wist sî niht: ir was niht wê, wie ihr geschah: Ihr war nicht weh,
1402 und wart ir herze doch nie mê doch wurde ihr das Herz so schwer
1403 sô swær und sô ânmehtic. und ohnmächtig, wie später nie mehr wieder.
1404 ir sinne wâren trehtic Ihre Sinne zog es
1405 dar dâ sî meisterinne was dorthin, wo sie Herrin war
1406 und gewalteclichen saz und mit Macht in der Kammer
1407 in sîns herzen klûse, des Herzens desjenigen saß,
1408 der bî dem künc Artûse der bei König Artus
1409 mit hôhen êren under mit großen Ehren unter
1410 den von der tâvelrunder denen von der Tafelrunde
1411 het genomen werden siz, den Ehrenplatz eingenommen hätte.
1412 sît daz sîn zuht der mâze riz weil seine Wohlerzogenheit
1413 an keinen sachen nie versneit. immer das rechte Maß hielt.
1414 alsus er von dem plâne reit So ritt er von der Wiese
1415 und hât erfohten hôhen prîs, und hatte großen Ruhm erfochten
1416 mit im der künc Fontânâgrîs und mit ihm der König Fontanagris
1417 und Parlus von den Schotten. und Parlus von Schottland.
1418 ei waz man süezer notten Ei, was man vor Freude
1419 vor in schôn dur güften blies. für liebliche Töne für ihn blies.
1420 wie jener stach und dirre stiez, Wie jener stach und dieser stieß
1421 waz iegelîcher sper vertet, und was ein jeder an Lanzen verstach,
1422 des möht ich künden niht, und het das könnte ich gar nicht berichten – und hätte
1423 ich eine tûsent herzen sin. ich den Verstand von tausend Herzen.
1424 sî kêrten von dem plâne hin Sie kehrten von der Ebene hin
1425 ze herberge dur gemach. zur Herberge um auszuruhen.
1426 ei waz man grôzer kerzen sach Ei, was man an großen Kerzen
1427 brinnen dur die ganze naht. die ganze Nacht hindurch brennen sah!
1428 ez hâte niemen schalles braht Es sorgte niemand für so viel Lärm
1429 wan er, des herz ie wandel flôch. wie er, dessen Herz stets jeden Makel floh.
1430 er hiez besenden unde zôch Er ließ holen und zog
1431 an sich swer unenthalten was, an sich, wer ungebunden war,
1432 ellende ritter, unde las tapfere Ritter, und sammelte
1433 der sô vil ze sîner schar, ihrer so viele in seiner Schar,
1434 daz er nâch den turnei gar dass er nach dem Turnier alle
1435 het gehapt ze sîner sit. an seiner Seite gehalten hätte.
1436 al dur die naht in widerstrît Die ganze Nacht über in fröhlichem Wettstreit,
1437 sô wâren sî an sorgen swach, waren sie ausgelassen,
1438 unz man den liehten morgen sach bis man den hellen Morgen
1439 al dur die wolken glesten, überall durch die Wolken blitzen sah
1440 und man ûf grüenen esten und man in den Bäumen
1441 hôrt kleiner vogel doene. das Zwitschern kleiner Vögel hörte.
1442 der küele tou hât schoene Der kühle Tau
1443 anger wisen überspreit. glitzerte auf den Wiesen.
1444 swaz meie schoener bluomen treit, Was der Mai an schönen Blumen vorrätig hat,
1445 die wâren dâ entsprungen. das war da erblüht.
1446 vil schiere wart gesungen Sogleich wurde ihnen da
1447 in ein schoeniu messe, eine schöne Messe gesungen.
1448 dar nâch vil manic presse Danach rüsteten sich
1449 sich ruste ûf den turnei. alle Scharen für das Turnier.
1450 wie man die herren brach enzwei, Wie man die Herren in zwei Gruppen teilte,
1451 daz sî sich glîch rottierten, sodass sie sich gleichmäßig aufteilten,
1452 und wele samt turnierten, und welche miteinander kämpften,
1453 daz wart geteilet schiere. das wurde schnell bestimmt.
1454 der künge wâren viere, Es gab vier Könige.
1455 von Tenemark, von Schotten, Der von Dänemark und der von Schottland
1456 die mit grôzen rotten standen beim Turnier mit ihren großen Truppen
1457 den turnei hielten zeiner sît. auf der einen Seite.
1458 Mit in in dem teile lît Mit ihnen in der Gruppe war
1459 der herzog ûz Wintsester. der Herzog von Winchester.
1460 der herre von Berbester, Der Herr von Berbester,
1461 der in der âventiure lac, der in die Aventiure verwickelt war,
1462 ouch der selben rotten phlac gehörte mit großem Ruhm
1463 mit hôhgeloptem prîse. auch zur selben Truppe.
1464 man fuort Fontânâgrise Man gab Fontanagris
1465 vor ein kreftic ros, was starc, ein kräftiges, starkes Pferd,
1466 dar ûf der künc von Tenemarc auf dem der König von Dänemark
1467 sich wolte lâzen schouwen. sich sehen lassen wollte.
1468 er fuorte von den frouwen Er trug von den Frauen gefertigte
1469 sô küneclîchiu wâfenkleit, so königliche Waffenkleider,
1470 daz mîn munt niemer halbes seit dass mein Mund nie auch nur zur Hälfte die reiche Kostbarkeit,
1471 die rîche koste diu dâ lac, die darauf verwendet worden war, auszudrücken vermöchte,
1472 wan er sô hôher êren phlac denn er [scil. Fontanagris] lebte so ehrenvoll,
1473 daz man sîn noch ze guote sol dass man ihn noch heute zu Recht
1474 niht vergezzen, daz zimt wol. nicht vergessen soll; das geziemt sich.
1475 Sus fuor an sîner sîten So war an seiner Seite
1476 und sach man bî im rîten und sah man bei ihm reiten
1477 Lorîs den künec von Schotten. Loris, den König von Schottland.
1478 sîn triuwe im hât gebotten Seine Aufrichtigkeit hatte ihm geboten,
1479 daz er schande gar vermeit. dass er Schande ganz und gar mied.
1480 sîn küneclîchez wâfenkleit, Wer seine königliche Turnierausrüstung
1481 swer daz prüeven welle, prüfen wollte, fand sie, wie folgt:
1482 von golt ein liehter phelle Aus Gold und glänzendem Fell
1483 was sîn covertiure, war seine covertiure
1484 und was nâ hôher stiure und gemäß edler Sitte
1485 von kelen rôt dar în geleit war aus dem roten Kehlstück
1486 ûf schiltes tach und wâfenkleit in Schildbespannung und Rüstung
1487 eins löwen bilde grimmende das Bild eines brüllenden und
1488 und ûf ze berge klimmende sich hoch aufrichtenden Löwen eingearbeitet,
1489 reht alsam er lepte. ganz so, als lebte er.
1490 umb den löwen swepte Um den Löwen rankte sich
1491 ein smal gezieret schiltes rant. am Rand des Schildes ein schmales Schmuckband.
1492 von golde rîch der strich erkant Das Band war aus hochkarätigem Gold
1493 was und dar în geströuwet und hineingestreut war
1494 ein kost diu mich erfröuwet, eine Kostbarkeit, die mich erfreut,
1495 swenn ich dar an gedenke. wann immer ich daran denke.
1496 umb des schiltes renke, Um den Rand des Schildes,
1497 die des löwen phlâgen, der den Löwen umfasste,
1498 von saphîren lâgen waren kleine Lilien
1499 liljen klein dar în geworht, aus Saphiren eingelegt,
1500 die der fürste unervorht die der unerschrockene Fürst
1501 ze velde wolte füeren. mit ins Feld führen wollte.
1502 von dem striche rüeren Von dem Strich sah man
1503 sach man die bluomen ûz und în. links und rechts die Blumen abstehen.
1504 ein liehtiu krône guldîn Eine strahlende Krone aus Gold
1505 lag ûf sînes helmes tach. lag oben auf dem Helm.
1506 dar nâch man schiere rîten sach Gleich dahinter sah man Parlus
1507 Parlûsen von Wintsester, von Winchester reiten,
1508 des herze an triuwen vester dessen Herz in Bezug auf Treue beständiger
1509 was denn ein herter adamas. war als ein harter Diamant.
1510 sîn wâfenkleit, als ich ez las, Seine Rüstung leuchtet, wie ich las,
1511 schein rôt von rubînen, rot von Rubinen
1512 und sach man verre schînen und man sah daraus
1513 dar ûz ab des schiltes tach weithin vom Dach des Schildes
1514 von golde ein strîmel, diu brach einen Streifen aus Gold leuchten, der
1515 von obnen ab unz in den spiz, von oben bis zur Spitze verlief,
1516 und gâben dar ûz liehten gliz und drei Rosen aus Zobel
1517 von zobel rîcher rôsen drî. leuchteten hell daraus hervor.
1518 dar under sich der wandels frî Darunter wollte sich der Makellose